Seelenwelten von Dana Stella Schuhr


Kategorie: Geschichten

  • Der kalabrische Winter war kein sanftes Schneegestöber, sondern ein ehrlicher, rauer Rausch. Wenn der Scirocco den Salzwind des Tyrrhenischen Meeres gegen die steilen Tuffsteinklippen peitschte, roch die Altstadt von Tropea nach nasser Erde, verbrannten Olivenhölzern und den letzten, schweren Zitronen des Jahres. Für Adriana war dieser Winter eine Festung. Vor zwei Jahren war sie aus…

  • Der Schirokko fegte heiß durch die Gassen von Marzamemi, einem kleinen Fischerdorf im Süden Siziliens, während die Sonne den hellen Stein ausdörrte. In der Bar von Nonna Francesca klapperten die Espressotassen. Nonna Francesca, eine resolute Frau mit einer Schürze, die immer nach frischem Basilikum und wildem Thymian roch, dirigierte das dörfliche Treiben mit lauter Stimme.…

  • Der Heiligabend in dem kleinen Küstenort war eisig. Clemens stand allein am Fenster seines alten Hauses und blickte hinaus auf die Nordsee. Das Wasser lag da wie ein stummes, tiefes Wellenheer, dunkel und unendlich. In seinem Inneren sah es genauso aus. Früher war Clemens ein Mann voller Leidenschaft gewesen. Er hatte die Malerei geliebt, das…

  • Der Schnee lag wie eine schwere, schützende Decke über den Hügeln von Kapela, als der weiße Mercedes-SUV die letzte Kurve vor der Stadtgrenze passierte. Schon beim Einfahren nach Bjelovar stockte Stella der Atem. Die Stadt glich einem lebendigen Wintermärchen. Von Laterne zu Laterne, über die gesamte Straße hinweg, waren kunstvolle Seile gespannt, an denen tausende…

  • Widmung Für alle eigenständigen, starken Seelen, die kein stummes Verschmelzen suchen, sondern das Glück auf Augenhöhe. Und für den Menschen, der meine Kirsche auf der Torte ist. Der warme Wind der Adria peitschte den Regen durch die Gassen von Urbino. In der Küche von Nonna Francesca – Ritas temperamentvoller Großmutter – brodelte ein riesiger Topf…

  • Der Winterwind fegte eisig durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen von Varenna am Comer See. Es war der einundzwanzigste Dezember. Während die Fenster der Nachbarn in warmem Gold erstrahlten und der Duft von gerösteten Kastanien durch die Luft zog, saß die 28-jährige Stella in der kleinen, abgedunkelten Schneiderwerkstatt ihres Großvaters. Vor drei Wochen hatte Matteo seine…

  • Ein stummes Wort im Seewind Ein kalter Winterwind peitschte die Wellen gegen die Klippen von Positano. Am Nachmittag des 24. Dezembers waren die steilen, bunten Gassen, die sich sonst im Sommer vor Touristen drängten, still und verlassen. Während unten im Hafen die Fischer ihre Boote sicherten, herrschte in Sofias (61) kleiner Bottega hoch oben am…

  • Der Schneesturm peitschte durch die Häuserschluchten, als Laurenz die schwere Eichentür der Kanzlei hinter sich ins Schloss warf. In seiner Aktentasche: der unterschriebene Senior-Partner-Vertrag. Mehr Geld, mehr Macht. Auf seinem Smartphone befanden sich 24 ungelesene Nachrichten. Eine davon war von Helena, seiner Verlobten: „Glückwunsch, Schatz! Der Champagner für die Party morgen steht kalt. Jetzt können…

  • Der eisige Wind peitschte den Schnee über die Gleise des kleinen, abgelegenen Bahnhofs von St. Christoph. Es war der späte Nachmittag des 24. Dezember. Der Regionalzug, der eigentlich die letzten Pendler nach Hause bringen sollte, stand mit einem dumpfen Zischen auf Gleis zwei. Wegen eines schweren Schneebruchs auf der Strecke ging es nicht mehr weiter.…

  • Der Schnee fiel in dichten, lautlosen Flocken auf das beleuchtete Schild der Gemeinschaftspraxis in der Altstadt. Drinnen roch es nach Desinfektionsmittel, Kaffee und der Kälte, die die letzten Patienten am Morgen mit hereinbrachten. Dr. Stefan Lindner (62) saß allein an seinem Schreibtisch. Seine Hände, die jahrzehntelang Diagnosen notiert und Menschen geheilt hatten, hielten eine leere…

  • Die Gassen des Bergdorfs San Giovanni waren zur Weihnachtszeit erfüllt vom Duft gerösteter Mandeln, Orangenschalen und frischem Panettone. Maurizio stand in seiner kleinen Webwerkstatt. Seine Hände strichen über ein unfertiges Tuch aus silbergrauer Wolle. Seit dem Frühjahr fühlte sich sein Inneres an wie eine leere Webstube. Maurizio trug eine schwere Last mit sich. Seine Frau…

  • Der Wind peitschte den Schnee gegen die Scheiben der alten Dorfbäckerei, doch drinnen brannte nur noch ein einziges, schwaches Licht. Franziska stand am hölzernen Arbeitstisch. Ihre Hände waren tief im Mehl vergraben, obwohl die Öfen längst kalt waren. Die Betriebsamkeit des Weihnachtsabends war vorbei. Die Dorfbewohner saßen längst in ihren warmen Stuben, doch Franziska konnte…

  • Der Wind peitschte den Schneeregen gegen die Fensterscheiben von Carens kleiner Wohnung. Es war der 24. Dezember. Während die Stadt im festlichen Glanz versank, saß Caren am Küchentisch. Vor ihr lag ein handgeschriebener Brief von Romano. „Ich verspreche dir, dieses Weihnachten wird alles anders. Ich liebe dich. Ich bin pünktlich um sechs da.“ Es war…

  • Die Altbauwohnung roch nach Zimt, teurem Parfüm und einer Perfektion, die Simone den Atem nahm. Peter stand am Fenster, ein Glas Champagner in der Hand, und sprach mit dieser samtweichen Stimme, die Simone einst für ein Zuhause gehalten hatte. Er redete über seine Pläne, über die Kunstgalerie, über ihre gemeinsame Zukunft, die er wie ein…

  • Die Wintersonne versank wie eine glühende Orange im Tyrrhenischen Meer. Sie tauchte die pastellfarbenen Häuser von Scilla, einem uralten Fischerdorf an der kalabrischen Küste, in ein warmes, goldenes Licht. Der Duft von frischen Bergamotten und reifen Zitronen lag in der salzigen Abendluft. Es war der Tag vor Heiligabend. In den engen, treppenreichen Gassen von Chianalea,…

  • Der eisige Dezemberwind jagte Marco durch die festlich beleuchteten, aber unpersönlichen Flure des gläsernen Bürogebäudes. Seine Schritte hallten stumm auf dem Marmor. In seiner Hand hielt er den neuen Vertrag: Partner der Kanzlei. Die nächste kalte Krone seiner Karriere. „Nur noch dieses eine Projekt, Marco“, hatte er jahrelang zu sich selbst gesagt. „Dann hast du…

  • Der Duft von gebrannten Mandeln und schwerem Eisen Der Schnee schluckte die Geräusche der Stadt, doch im Inneren des Antiquariats „Cassandra“ schien die Stille eine ganz andere Qualität zu haben. Es war der Abend des 23. Dezember. Draußen eilten Menschen mit vollgepackten Tüten vorbei, getrieben von der hektischen Pflicht des Festes. Drinnen saß Gerald hinter…

  • Ein Abend voller Frost Der Duft von Zimt und Tannennadeln lag schwer im Wohnzimmer, doch die Luft zwischen Liane und Julius war eisig. Es war Heiligabend. Auf dem Tisch brannte die vierte Kerze, hell und warm, ein scharfer Gegensatz zu Julius’ Stimme. „Du ruinierst jedes Fest, Liane“, sagte er, ohne sie anzusehen. Er rückte die…

  • Der Wind trieb an diesem Jupitertag dicke Schneeflocken durch die engen Gassen der Altstadt. In der kleinen, warmen Werkstatt von Nathan roch es nach Bienenwachs, Zimt und altem Holz. Er war Geigenbauer, ein Mann der leisen Töne. Nathan hatte den Betrieb von seinem Großvater übernommen. Jeder Hobelschlag war für ihn damals schon Meditation. Seit Monaten…

  • Der Wind trieb feine Schneeflocken gegen die Fensterscheiben des kleinen Antiquariats am Marktplatz. Drinnen war es kühl, fast so kalt wie die Winternacht draußen. Martin saß am massiven Eichentisch, umgeben vom fahlen Licht einer einzelnen Lampe. Vor ihm lagen die Kassenbücher des Jahres. Goldene Zahlen waren es nicht. Doch es war nicht die Sorge um…