Gezeiten des Seins

2 Minuten

Einleitung:
„Das Leben entfaltet sich oft in der Spannung zwischen Verstand und Gefühl. Das folgende Gedicht, Gezeiten des Seins, betrachtet diesen inneren Dualismus als ein rhythmisches Naturereignis – ein Wechselspiel aus kühler Analyse und leidenschaftlicher Hingabe, das erst in seiner Gesamtheit das menschliche Dasein begreifbar macht.“

Gezeiten des Seins

Der Geist ist Ebbe – klar und weit,
er schafft dem Blick die Nüchtern-
heit. Er legt den nackten Boden bloß,
macht klein das Wilde, machtlos groß.

In Linien zieht er sich zurück, zerlegt
in Zahlen jedes Glück. Wie oft steht
man am öden Strand, den Geist
versperrt, das Herz verbannt?

Wenn Ebbe nur noch Leere lässt und
sich der Frost im Denken frisst, dann
scheint die Welt ein Rechenstück,
ein starrer Weg, ein totes Glück.

Der Verstand will Muscheln zählen,
will Ordnung für das Chaos wählen.
Er gräbt im Schlick nach festem Grund,
macht jeden Zweifel stumm und rund.

Doch dann kommt Flut – das Herz
erwacht, mit warmer, ungestümer
Macht. Es flutet jeden grauen Stein,
taucht Logik tief in Sehnsucht ein.

Kein Deich aus Worten hält sie auf,
sie nimmt dem Schicksal seinen Lauf,
und was der Kopf sich mühsam baut,
wird sanft vom Salzwasser getaut.

Das Herz ist müde, fest zu stehn,
will lieber mit den Wellen gehn. Es
schweigt, wenn kühles Fragen drängt,
weil es am Horizont schon hängt.

Es spült die Grenzen einfach fort,
vergisst das kluge, kalte Wort. Im
Schaum der Träume wird uns klar:
Nur beides macht das Leben wahr.

Doch sieh, wie sich der Kreis nun schließt,
wenn Salz in trockne Furchen fließt.
Der Geist schenkt Raum, das Herz gibt
Sinn, verloren geht nur der Gewinn,

der ohne Liebe aufgebaut. Nun
wird die Seele tief vertraut mit
jenem Puls, der alles lenkt, sich
mal entzieht und mal verschenkt.

Und am Gestade fließen sie:
Zwei Welten voller Harmonie.
Wo Flut das trockne Land belebt,
und Ebbe sanft die Sicht erhebt.

Ein Tanz aus Tiefe und aus Licht,
der stetig durch die Einsamkeit bricht.
Denn erst wenn Meer das Ufer küsst,
man, was es heißt, zu sein, ermisst.

So lehrt uns der Rhythmus der Seele, dass weder die reine Logik noch das uferlose Gefühl allein Bestand haben. Erst im steten Übergang, im gegenseitigen Durchdringen von Verstand und Herz, finden wir die Balance, die uns als Menschen ganz werden lässt.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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