Draußen tanzten die Schneeflocken wild um die Kuppel des Petersdoms, doch in Marios kleiner Altstadtwohnung in Rom schien die Zeit stillzustehen. Alles war bereit für den Heiligen Abend. Auf dem Tisch stand eine edle, handgegossene Kerze – unberührt und kalt. Daneben lag ein schwerer Flakon aus geschliffenem Kristall, der einen kostbaren Duft gefangen hielt.

Mario blickte aus dem Fenster und spürte eine vertraute Schwere. Er und Bella arbeiteten beide zu viel, hetzten von einem Termin zum nächsten und verschoben ihr gemeinsames Glück immer wieder auf das nächste Jahr, auf den nächsten Urlaub, auf ein unbestimmtes Morgen. Sie sparten auf den großen Knall, während das Heute stumm verhallte.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Bella trat herein, die Wangen gerötet von der Kälte, den Atem als kleine Wolke vor dem Mund. Doch ihre Augen wirkten müde, erschöpft vom grauen Alltagsschrein der letzten Wochen.

„Buon Natale, amore mio“, sagte sie leise und wollte ihre Tasche abstellen.

Doch Mario hielt sie auf. Er sah sie an und wusste plötzlich, dass er nicht mehr warten wollte. Nicht auf ein fernes Licht, das erst im Morgen erscheint. Das Leben wartete nicht. Er nahm ihre kalten Hände in seine.

„Bella“, flüsterte er. „Erinnerst du dich an unseren Sommer in Kalabrien?“

Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Kalabrien. Ihr gemeinsamer Sehnsuchtsort.

Mario ließ ihre Hände los und begann zu handeln. Er strich ein Streichholz an und zündete die Kerze an. Ihr warmes Licht vertrieb sofort die Schatten im Raum. Dann öffnete er den Kristallflakon. Ein intensiver, warmer Duft nach wildem Jasmin und reifen Zitronenhainen strömte durch das Zimmer und brach die winterliche Kälte. Er schaltete eine leise, sanfte Melodie ein, die den Takt von Wellen hatte, die an steile, blaue Klippen schlugen.

„Ich warte nicht mehr, bis alles perfekt passt, um dieses Glück mit dir zu spüren“, sagte Mario und zog Bella sanft an sich. „Ich lasse ab von unserer Wartelast. Wir leben unseren Traum nicht erst morgen.“

Bella schloss die Augen und atmete tief ein. Der Duft und die Wärme umhüllten sie. In ihrer Fantasie stand sie wieder unter den alten Olivenbäumen, spürte den Wind, der nach der Tyrrhenischen See schmeckte, und die Sonne, die ihre Haut erweckte. Der graue Alltag fiel von ihr ab wie schmelzender Schnee. Sie blickte Mario in die Augen und sah darin dieselbe wilde Schönheit und Tiefe wie das Meer vor der kalabrischen Küste.

„Du hast recht“, flüsterte sie, und Tränen der Erleichterung glänzten in ihren Augen. „Dieses Meer… es beginnt genau hier. In unserer eigenen Brust.“

Mario lächelte gerührt. Er griff in seine Manteltasche und holte ein kleines, samtenes Etui hervor, das er ihr schweigend überreichte.

Mit zitternden Fingern öffnete Bella das Kästchen. Darin lag kein Schmuck, sondern ein schwerer, altmodischer Schlüssel aus Messing. Er war an einem kleinen Band befestigt, an dem ein kunstvoll bemaltes Keramikschildchen hing. Darauf war eine leuchtend gelbe Zitrone abgebildet und ein Name eingebrannt: Diamante.

Bella hielt den Atem an und blickte Mario fragend an.

„Es ist kein Traum für die ferne Zukunft, Bella“, sagte er mit tiefer, fester Stimme. „Es gehört uns. Ab heute. Eine kleine Villa direkt an der Küste von Diamante, in der Provinz Cosenza. Die Klippen stürzen dort steil ins Blau und die Wände der Altstadt sind voller bunter Gemälde. Es ist unser Rückzugsort.“

Bella schlug die Hand vor den Mund. „Mario… non ci posso credere… Ist das wahr?“

„Es ist wahr, vita mia“, sagte er und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Er sah den ungläubigen Blick in ihren Augen und spürte, wie der alles entscheidende Entschluss in ihm reifte. Er wollte Rom verlassen. Für immer. „Und wir werden nicht nur für den Urlaub dorthin fahren. Wir bleiben dort. Für immer.“

Bella sah ihn mit großen Augen an. „Für immer? Aber deine Arbeit? Die Kanzlei?“

Mario lächelte befreit. „Ich habe heute alles mit meinen Partnern geregelt. Ich brauche nur meinen Laptop und stabiles Internet. Ich kann meine Analysen und Beratungen von überall auf der Welt aus dem Homeoffice erledigen. Warum also nicht mit Blick auf das tyrrhenische Meer? Und du…“ Er strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. „Du bist Schriftstellerin und Künstlerin. Deine Seele braucht die wilden Zitronenhaine und die bunten Wandmalereien von Diamante, um zu atmen: Die Welt wartet auf deine Bücher und deine Bilder – inspiriert vom tiefen Blau Kalabriens.“

Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit breitete sich in Bellas Brust aus. Im Geist ging sie bereits durch die Räume ihrer neuen Villa. Sie sah sich auf der Terrasse sitzen, die salzige Meeresluft auf den Lippen, während vor ihr das weiße Papier lag und darauf wartete, mit Geschichten gefüllt zu werden. Sie sah Marios Schreibtisch am großen Fenster, hinter dem die Wellen ihren ewigen Takt schlugen. Kein Pendeln mehr, kein grauer Alltagsschrein, kein Aufschieben auf ein ungewisses Morgen.

„Sì, lo voglio“, hauchte sie. „Ja, ich will. Lass uns gehen. Lass uns das Heute leben.“

Der Tag war jetzt, die Stunde flog. Mario legte seine Arme fest um sie und hielt sie im weihnachtlichen Kerzenschein geborgen. In dieser Nacht schenkte das Leben ihnen seinen schönsten Raub: den Mut zur Freiheit, den gegenwärtigen Moment und das Versprechen auf ein unendliches Leben an der Küste der Provinz Cosenza.

Das Meer in unserer Brust

(Zum Abschied von Rom)

Der graue Schrein bricht nun entzwei,
das Warten hat ein End‘ gefunden.
Die Seele atmet, wild und frei,
gelöst aus stummen Alltagsstunden.

Wir gehn dorthin, wo Oliven stehn,
wo uns das Meer im Winde grüßt.
Wir werden nie mehr rückwärts sehn,
weil uns der Süden heute küsst.

Kein Morgen mehr, das uns betrügt,
kein Traum, der in die Ferne flieht.
Wer heute in den Armen liegt,
singt selbst des Lebens schönstes Lied.

Epilog: Das Rauschen von Diamante

Ein halbes Jahr später war aus dem weihnachtlichen Versprechen Wirklichkeit geworden.

Es war ein lauwarmer Juliabend. Bella saß auf der sonnenverbrannten Terrasse ihrer kleinen Villa in Diamante, hoch oben auf den Klippen der Provinz Cosenza. Vor ihr lag die unendliche Weite des Tyrrhenischen Meeres, das im Licht der untergehenden Sonne wie flüssiges Gold schimmerte. Der Wind schmeckte nach Salz und Freiheit. Er strich sanft über ihre Haut und trug den intensiven Duft von wildem Jasmin und reifen Zitronenhainen mit sich, die die Hänge hinter dem Haus säumten.

Auf dem rustikalen Holztisch lag Bellas neues Manuskript – die Seiten waren vom Wind leicht gewellt, doch die Tinte war trocken. Neben ihr standen Skizzenbücher voller Farben, inspiriert von den berühmten Murales, den bunten Wandgemälden in den engen Gassen der Altstadt, die sie am Nachmittag gezeichnet hatte. Ihre Seele hatte endlich den Raum zum Atmen gefunden, nach dem sie sich in Rom so lange gesehnt hatte.

Die Balkontür öffnete sich leise. Mario trat heraus, ein entspanntes Lächeln auf den Lippen. Er trug ein leichtes Leinenhemd, die Ärmel hochgekrempelt. Er hatte gerade seinen Laptop zugeklappt, die letzten E-Mails des Tages verschickt und seine Arbeit als digitaler Berater für heute beendet.

„Che bellezza, amore mio“, flüsterte er, stellte zwei Gläser kalten Limoncello auf den Tisch und legte von hinten die Arme um ihre Schultern. Er drückte einen sanften Kuss auf ihr Haar.

Bella lehnte ihren Kopf an seine Brust und lauschte dem ewigen Takt der Wellen, die tief unter ihnen gegen die Felsen schlugen. Sie dachte an den vergangenen Weihnachtsabend in Rom zurück – an die kalte Kerze, den grauen Alltagsschrein und die Angst, das Leben zu verpassen. Wie weit weg sich dieses Gefühl nun anfühlte.

„Weißt du noch“, fragte Bella leise und drehte sich in seinen Armen um, „als wir dachten, wir müssten auf den großen Knall warten? Auf das perfekte Morgen?“

Mario lachte leise und blickte hinaus auf das offene Meer. „Das Morgen hat uns nie etwas versprochen, Bella. Aber das Heute… das Heute gehört ganz uns.“

Sie stießen an, und der süß-saure Geschmack der kalabrischen Zitronen explodierte auf ihren Zungen. Hier, zwischen den alten Olivenbäumen und dem endlosen Blau, hatten sie nicht nur eine neue Heimat gefunden. Sie hatten gelernt, im Jetzt zu leben.

Denn das Meer, das sie einst nur als Sehnsucht in ihrer Brust getragen hatten, umgab sie nun von allen Seiten. Es war wild, es war frei, und es würde nie wieder versiegen.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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