Der Schnee lag wie eine schwere, schützende Decke über den Hügeln von Kapela, als der weiße Mercedes-SUV die letzte Kurve vor der Stadtgrenze passierte. Schon beim Einfahren nach Bjelovar stockte Stella der Atem. Die Stadt glich einem lebendigen Wintermärchen. Von Laterne zu Laterne, über die gesamte Straße hinweg, waren kunstvolle Seile gespannt, an denen tausende warme Lichter hingen. Ein endloses Meer aus funkelnden Sternen und leuchtenden weihnachtlichen Motiven wies ihnen den Weg durch die Dunkelheit und tauchte die verschneiten Straßen in einen goldenen Glanz.

Sven verlangsamte die Fahrt des eleganten Wagens, um den Anblick zu genießen. Seit 33 Jahren wich er nicht von Stellas Seite, und am vergangenen 18. Oktober hatten sie ihren 31. Hochzeitstag gefeiert. Er legte seine Hand auf ihre. „Schau dir das an, Liebling. Die Heimat empfängt dich wie eine Königin“, sagte er leise. Er war kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat. Seine Liebe zeigte sich im Machen.

Stella, nun 61 Jahre alt, blickte gerührt durch das Autofenster. Die Lichter spiegelten sich in ihren Augen. In diesem Haus in Kapela, einem kleinen Dorf in der Nähe von Bjelovar, wohnte ihre Mutter nun allein, seit der Stiefvater vor fünf Jahren verstorben war. Das Herz von Stella klopfte schneller, doch die festliche Pracht der Stadt schenkte ihr eine tiefe Ruhe. In ihrer Handtasche spürte sie das vertraute Gewicht zweier Bücher: Ihr Gedichtband Seelenwelten und ihr neu erschienenes Buch mit Weihnachtsgeschichten.

Ihre Schwester Marina saß hinten im Wagen und lächelte verschmitzt, als sie sagte: „Mama wird gleich Augen machen, dass wir sie nun zu dritt überraschen. Aber ich weiß, dass sie sich unbeschreiblich freut, uns zu sehen.“

Als sie schließlich die Auffahrt zum Elternhaus hinaufrollten und der weiße SUV zum Stehen kam, öffnete sich bereits die Haustür. Der Duft von frischem kroatischem Weihnachtsgebäck – Kifle und Orahnjača – strömte ihnen entgegen. Dahinter stand Stellas Mutter, gezeichnet vom Alter, aber mit einem suchenden Blick. Aus dem Wohnzimmer hörte man bereits das laute, herzliche Lachen von Tante Ivka und Onkel Marko, die mit der restlichen Verwandtschaft für den heiligen Abend zusammengekommen waren.

Der Empfang war herzlich, und augenblicklich erfüllte das Haus ein vertrauter Klang. „Oh mein Gott, ihr glaubt nicht, wer gerade hier ist: Zvjezdana mit Sven und sogar Marina!“, sagte ihre Mutter ganz ergriffen. „Zvjezdana,“ riefen sie durcheinander, denn in Kroatien nannten alle Stella so – ein Name, der übersetzt „Stern“ oder „die Sternengleiche“, bedeutet. Doch über den ersten Stunden lag dennoch die gewohnte, subtile Distanz der Vergangenheit.

Lange Zeit hatte die Familie Zvjezdanas wahren Wert nicht erkannt. Sie hatte nie auf den ganz großen, weltberühmten Bühnen gestanden – ihre Musik lebte auf kleinen Bühnen, auf Dorffesten, Hochzeiten und in der feierlichen Stille der Kirche. Für ihre drei Kinder Christopher (37), Danny (32) und Janice (31) hatte sie eine große Karriere damals bereitwillig aufgegeben. Sie hatte sich bewusst für ihre Familie und ein Leben entschieden, in dem sie nur noch im privaten Rahmen sang. Als glückliche Mutter hatte sie diesen Weg niemals bereut.

Bereits mit fast vierzig Jahren forderten rheumatoide Arthritis, Hashimoto und Diabetes Typ 2 ihren Körper. Als das Schicksal mit 45 Jahren erneut grausam zuschlug und eine schwere Stimmbandentzündung ihr die Sopran-Kopfstimme raubte, schien die Dunkelheit vollkommen. Der schmerzhafteste Verlust war das geliebte Ave Maria von Bach/Gounod. Es nie wieder auf Latein singen zu können, war ein tiefer seelischer Schlag. Doch Stella kämpfte sich zurück, zwang den Diabetes in Remission und fand durch ihren Sohn Danny, viele Jahre später eine neue Berufung. Er drängte sie, den Blog Seelenwelten zu gründen und ihre Zeilen nicht nur auf Dreamies zu teilen.

Sie begann, ihre Gedichte und Geschichten auf Facebook, TikTok und YouTube zu posten. Besonders ihre audiovisuellen Werke, bei denen sie ihre Texte auf unverwechselbare Weise rezitierte und mit ihrer wunderbar lebendigen, warmen und sonoren Stimme unterlegte, berührten tausende Menschen im Internet. Untermalt von einer leisen, sanften Hintergrundmelodie, wurde man unweigerlich im Herzen davon ergriffen.

Ihre Verse besaßen eine ganz eigene Klangfarbe, verbanden Wohlklang und Musikalität mit einer bildreichen Sprache, seelischer Tiefe und einer feinen, oft tröstlichen Wärme. Sie waren nicht nur wohlklingend, sondern hatten Rhythmus, starke innere Bilder und eine tiefe, emotionale Wahrhaftigkeit. Manchmal waren sie dunkel und aufwühlend, doch selbst dann blieb fast immer ein versöhnlicher Lichtschein, ein leiser Schimmer von Hoffnung, der durch die Dunkelheit führte.

Sven glaubte unerschütterlich an sie. Er fackelte nicht lange: Mit seiner finanziellen Unterstützung ermöglichte er es ihr, die gedruckten Werke im Selbstverlag bei BoD (Books on Demand) zu publizieren. Da sie sich im Netz bereits eine treue Fangemeinde aufgebaut hatte, war es ein Leichtes, die Bücher an den Mann und die Frau zu bringen.

Alle freuten sich von Herzen, einen Teil der in Deutschland lebenden Familie wiederzusehen. Marina, Stella und auch Sven wurden ganz liebevoll begrüßt und umarmt. Die Mutter war so gerührt, dass sie sogar ein paar Tränen der Rührung vergoss. Und wenn man ehrlich war, erging es ihnen allen so. Es war unendlich lange her, dass sie in dieser Runde zusammengekommen waren.

Marina war deutlich häufiger in Kroatien gewesen und hatte nach dem Tod des Vaters viel für die Mutter getan. Unter anderem hatte sie dafür gesorgt, dass diese nachts nicht mehr aufstehen musste, um den großen Heizofen mit Holz zu befeuern. Er befand sich nicht einmal im Haus, sondern draußen in einem Nebenanbau, der zugleich als Keller und Vorratsraum diente. Gerade im Winter war das gefährlich, denn mehrere Stufen führten hinunter, auf denen die Mutter leicht hätte ausrutschen und sich verletzen können.

Zum Glück war nie etwas passiert. Dank Marinas Überredungskunst verfügte das Haus inzwischen über eine komfortable Fernwärmeversorgung auf Erdgasbasis. Das Einzige, was ihre Mutter nun noch tun musste, war, das Thermostat so einzustellen, wie warm sie es haben wollte.

Beim Abendessen saßen alle um den großen Tisch. Onkel Marko schenkte Wein ein und blickte Stella an. „Du hast dich verändert, Zvjezdana. Du wirkst so… ruhig.“

Sven blickte seine Frau an, hielt ihre Hand und sagte einfach: „Sie hat hart gearbeitet. Und sie hat es geschafft. Auch wenn sie immer sagt, dass das Schreiben keine Arbeit ist, wenn man tut, was man liebt – geschenkt bekommen hat sie nichts.“ Mehr Worte brauchte er nicht, um zu zeigen, wie stolz er auf sie war.

Nach dem Essen versammelte sich die Familie um den geschmückten Weihnachtsbaum. Tante Ivka deutete auf die beiden Bücher. „Ist das wahr, Zvjezdana? Das hast du alles selbst geschrieben und veröffentlicht?“

Stella nickte bescheiden. „Ja, Tante Ivka. Es sind meine Gedanken. Meine Worte, meine Heilung. Dank Sven konnte ich sie endlich drucken lassen.“

Marina sagte: „Ja, und ich habe hin und wieder einmal Leseproben bekommen. Was ich bisher gelesen habe, gefällt mir richtig gut. Sie schreibt mit so viel Gefühl. Man spürt, dass sie wirklich liebt, was sie tut.“

Ihre Mutter nahm die Brille zur Hand, strich vorsichtig über den Einband von Seelenwelten und reichte das Buch mit den Weihnachtsgeschichten an Onkel Marko weiter. „Lies uns etwas vor, Zvjezdana“, bat die Mutter mit brüchiger Stimme. „Bitte.“

Es war still im Raum, nur das Knistern des Kaminfeuers war zu hören. Stella schlug ihren Gedichtband auf. Sie holte kurz Atem und begann vorzulesen. Ihre Stimme klang vollkommen vertraut und doch völlig neu – es war genau jener sonore, lebendige und warme Klang, den ihre Fans im Internet so sehr liebten. Ganz leise im Hintergrund schien das sanfte Knistern des Feuers die Melodie zu ersetzen, während sie die Verse sprach, die ihr Schicksal besiegelten:

„Einst Königin der dunklen Nacht, nun Poetin am hellen Tag, die endlich ihr Geschick bejaht und sich nun selber mag… Früher gedemütigt und verlacht – heut’ hab’ ich selbst die Macht, ich hab’ durch Schreiben mir am Ende das Licht mit Liebe zurückgebracht.“

Stella las es zuerst auf Deutsch und danach auf kroatisch vor:

„Nekad kraljica tamne noći, a sada pjesnikinja na jasnom dnevnom svjetlu – napokon prihvaćam svoju sudbinu i volim samu sebe… Nekad ponižavana i ismijavana, danas posjedujem moć; kroz pisanje sam, uz ljubav, naposljetku vratila svjetlost.“

Als das letzte Wort verhallte, lag eine tiefe, fast ehrfürchtige Stille im Raum. Niemand bewegte sich. Jeder am Tisch war unweigerlich und zutiefst berührt von der Kraft ihrer Worte und dem warmen Klang ihrer Stimme.

In diese ergreifende Stille hinein summte Stellas Smartphone. Sven lächelte wissend, nahm es vom Tisch und startete den Videoanruf, sodass der Bildschirm für alle sichtbar war. Es war Danny. Auf dem Display erschien sein Gesicht, erhellt vom Schein seines eigenen Weihnachtsbaumes in der Heimat. Neben ihm stand Bella und himmelte ihn an. Die süße Boxerhündin machte Urlaub bei Danny, weil Stella und Sven ihr die lange Reise nach Kroatien und zurück nicht zumuten wollten.

„Hallo Mama! Hallo Papa! Sretan Božić an alle in Kroatien!“, rief Danny mit einem strahlenden Lächeln in die Runde. Nach den herzlichen Grüßen der Verwandtschaft wurde sein Blick weicher, als er direkt zu seiner Mutter sprach.

„Mama, ich musste einfach anrufen. Ich weiß ja, wo du gerade sitzt, und ich weiß, wie viel Mut dich diese Reise gekostet hat. Aber ich möchte, dass Oma, Großtante Ivka und Großonkel Marko eines ganz genau wissen: Du hast mir Wurzeln und Flügel gegeben und vor allem mein Rückgrat gestärkt, damit ich alles werden konnte, was ich wollte. Papa natürlich auch, dass er mir finanziell einiges ermöglicht hat, aber du hast die meiste Zeit mit mir verbracht und du warst und bist auch heute noch, immer für mich da. Und genau deshalb habe ich auch immer an dein riesiges Talent geglaubt, alles – absolut alles – in Worte zu fassen.“

Er hielt kurz inne und schluckte die Rührung hinunter.

„Egal ob es deine Gedichte waren, deine Geschichten oder die tiefen Gedanken, die du damals in dein Tagebuch und später in deinen Blog Seelenwelten geschrieben hast – ich wusste immer, was für eine Kraft in dir steckt. Du bist die Urheberin Hunderter Zitate geworden, die den Menschen da draußen die Augen öffnen und Mut machen. Mittlerweile werden sie von privaten Personen, Firmen und Institutionen verwendet und du hast dir schon online einen eigenen Namen gemacht, den man als Marke sehen kann. Aber viel wichtiger ist: Du bist eine echte Kämpferin und eine wahre Humanistin. Du setzt dich unermüdlich für Menschen ein, die Trost und Balsam für ihre Seele benötigen. Du schreibst nicht nur über Liebe und Mitgefühl, Mama. Du lebst diese Werte jeden einzelnen Tag. Ich bin so unendlich stolz darauf, dein Sohn zu sein. Ich habe dich sehr lieb.“

Gerührt sagte Stella zu ihrem Sohn: „Mein Schatz, ich habe dich auch sehr lieb, und ich war und bin immer stolz auf dich. Ohne dich lägen meine Manuskripte wahrscheinlich immer noch in den Schubladen. Danke für deine Unterstützung in jeder Hinsicht. Du hast mir Kraft gegeben, mir Mut gemacht und mit deiner Wertschätzung die Freude am Schreiben zurückgebracht. Ich singe zwar nicht mehr, aber meine Stimme ist dennoch nicht ganz verklungen.“

Als der Videoanruf endete, flossen im Raum in Kapela endgültig die Tränen. Onkel Marko stand auf, ging auf Stella zu und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Wir haben damals nicht verstanden, was in dir steckt, Anđele (Engel)“, sagte er leise und seine Stimme zitterte. „Wir dachten, das Leben muss nur schwer und vernünftig sein. Wir haben deinen Gesang in der Kirche gehört, aber wir haben die große Seele dahinter nicht begriffen. Du berührst die Welt von hier aus.“

Tante Ivka nickte unter Tränen. „Wir sind so unendlich stolz auf dich, Zvjezdana.“

Doch der bewegendste Moment des Abends gehörte Stellas Mutter Ankica, liebevoll Anna genannt. Sie stand mühsam auf, trat vor ihre älteste Tochter und nahm Stellas Hände in ihre. In ihren Augen lag kein Schatten der Vergangenheit mehr, sondern pure Anerkennung und tiefe Reue.

„Du hast die Last für uns alle getragen, Zvjezdana – damals als wir so schwere Zeiten hatten, warst du es, die uns zur Seite stand und geholfen hat,“ sagte die Mutter so laut, dass es jeder im Raum hören konnte. „Aber was habe ich getan, als du damals mit fast Achtzehn Jahren eine Karriere als Sängerin hättest starten können? Ich, beziehungsweise wir haben dir damals die Flügel gestutzt und dich fast moralisch gezwungen, die Lehrstelle als Restaurantfachfrau anzutreten. Ich denke heute, dass es ein großer Fehler war, als ich deine Stimme wegsperrte. Und als du deine Kopfstimme verloren hast, dachte ich, dein Lied sei damit endgültig zu Ende. Aber du hast dir selbst neue Flügel aus Papier und Tinte gebaut. Dein geschriebenes Wort, vorgetragen mit dieser wunderschönen, sonoren Stimme, berührt mich tiefer als jedes gesungene Ave Maria es je könnte. Danny hat recht: Du bist eine Kämpferin. Und danke, Sven … dass du das gesehen hast, was wir damals übersehen und auch nicht wahrhaben wollten“, fügte die Mutter hinzu und wandte den Blick dem schweigenden Mann an Stellas Seite zu.

Sven, der die ganze Zeit ruhig dagesessen hatte, drückte sanft Stellas Hand. Er sah sie an und flüsterte ihr so ins Ohr, dass es auch die Mutter hören konnte: „Und dieses Papier und diese Tinte werden uns noch weiter tragen, meine Principessa. Weißt du noch, dein großer Traum von dem kleinen eigenen Grundstück in Kalabrien? Spätestens wenn ich in Rente bin, setzen wir das um. Dann schreiben wir deine Geschichten und unsere unter der Sonne Italiens weiter.“

Stella blickte aus dem Fenster, wo draußen im Hof der treue weiße Mercedes im Mondlicht stand und die Lichterketten von Bjelovar bis herauf in die Hügel zu strahlen schienen. Sie fühlte, wie die letzten alten Narben in ihrem Herzen endgültig verheilten. Sie schloss ihre Mutter fest in die Arme, während Sven ihr mit einem feuchten Schimmer in den Augen glücklich zulächelte.

Das Mädchen, das einst mit sieben Jahren und einem Koffer voller Angst im fernen Land angekommen war, stand an diesem Weihnachtsabend im hellen Licht der Liebe, des Respekts und einer hoffnungsvollen Zukunft. Sie war keine Königin der dunklen Nacht mehr – sie war Zvjezdana: Stella der hellste Stern am Himmel ihrer Familie, endlich angekommen im Hafen der Versöhnung und des reinen Friedens.

„Schade, dass Papa das nicht mehr miterleben konnte“, dachte Stella und schaute vom Fenster hinauf in den Himmel. In diesem Moment leuchtete ein Stern besonders hell. Sie lächelte und sagte: „Ich weiß, Papa, du wärst jetzt sehr stolz auf mich.“

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

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