Das Licht von Sankt Kassian

5 Minuten

Der Wind trieb feine Schneeflocken gegen die Fensterscheiben des kleinen Antiquariats am Marktplatz. Drinnen war es kühl, fast so kalt wie die Winternacht draußen. Martin saß am massiven Eichentisch, umgeben vom fahlen Licht einer einzelnen Lampe. Vor ihm lagen die Kassenbücher des Jahres. Goldene Zahlen waren es nicht. Doch es war nicht die Sorge um das Geld, die ihm die Brust abschnürte. Es war das Echo des Tages.

Er dachte an den angesehenen Juwelier Christoph, der am Nachmittag im Laden gestanden hatte. Christoph war ein Mann des schönen Scheins, bekannt für seine edlen Steine und seinen exklusiven Schmuck. Er hatte ein kunstvolles, handgeschriebenes Buch aus dem Nachlass einer armen Witwe weit unter Wert erstanden – und Martin hatte geschwiegen, obwohl er den wahren Wert kannte. Er hatte geschwiegen, um eine kleine Provision zu kassieren. Nun saß er in der Stille. Sein Ego, das am Nachmittag noch stolz auf den schnellen Gewinn war, brach im fahlen Licht der Einsamkeit. Schatten schienen vor dem alten Spiegel im Flur zu stehen. Martin fühlte sich gefangen in einem eigenen, kalten Elfenbeinturm aus blindem Schein.

Es klopfte an der Tür. Sanft, aber bestimmt.

Martin schreckte hoch. Wer war um diese Uhrzeit, am Heiligen Abend, noch unterwegs? Er öffnete die schwere Holztür. Ein Schwall eiskalter Luft schlug ihm entgegen, und mit ihm trat eine kleine Gestalt herein. Es war die alte Witwe Mara, die Frau, deren Buch er am Nachmittag verleugnet hatte. Ihre Hände zitterten vor Kälte, doch ihre Augen waren klar und rein.

„Guten Abend, Herr Martin“, sagte sie mit einer Stimme, die wie eine sanfte Melodie klang. „Ich wollte Ihnen nur etwas bringen. Eine Kleinigkeit für die Weihnachtsnacht.“ Sie stellte ein kleines Körbchen mit frisch gebackenen Zimtplätzchen auf den Tresen.

Martin schluckte schwer. Der innere Riss in seiner Brust schien unerträglich zu werden. „Frau Mara… ich… warum sind Sie hier? Nach allem…,“ stotterte er fast verlegen.

Mara lächelte warm, ohne Bitterkeit. „Weil die Nacht nach der Seele greift, Herr Martin. Und niemand sollte am Heiligen Abend mit seinen Gedanken allein sein. Ich sah das Licht in Ihrem Fenster brennen .“

„Mara, verzeihen Sie mir“, flüsterte er, und die Worte brachen aus ihm heraus wie ein lange gestautes Wehr. „Das Buch, das der Juwelier Christoph heute gekauft hat… es war ein Vielfaches von dem wert, was er Ihnen gegeben hat. Ich habe geschwiegen, um selbst daran zu verdienen. Ich habe Sie betrogen.“

Es wurde ganz still im Raum. Nur das Knistern des kleinen Ofens war zu hören. Martin senkte den Kopf, bereit für den berechtigten Zorn, bereit für die bitteren Tränen der alten Frau.

Doch stattdessen spürte er eine warme, raue Hand auf der seinen.

„Ich weiß, Martin“, sagte Mara leise. „Ich habe es in den Augen des Juweliers gesehen. Und ich habe die Angst in Ihren Augen gesehen.“

„Das Herz rein zu halten, ist schwer in einer Welt, die nur nach Thronen aus Geld verlangt“, sagte Mara sanft. „Aber nun haben Sie die Wahrheit gesprochen. Sie haben Ihre Maske abgelegt. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das Sie sich selbst und mir machen konnten. Reichtum heilt keinen inneren Riss, Martin. Aber die Wahrheit tut es.“

In diesem Moment geschah etwas Magisches. Die Kälte im Zimmer schien im Nu zu verfliegen. Eine tiefe, feierliche Wärme breitete sich aus. Draußen begann die alte Kirchturmuhr von Sankt Kassian die Mitternachtsstunde zu schlagen. Mit jedem Schlag schien das fahle Licht der Lampe goldener zu werden. Ein tiefer, innerer Seelenschutz legte sich um Martins Herz. Der Schmerz wich einer tiefen Harmonie.

„Kommen Sie“, sagte Martin, und seine Stimme war nun fest und klar. „Wir gehen zu Christoph. Gemeinsam. Und wir werden das Buch zurückholen. Ich werde jeden Cent der Provision zurückgeben und den wahren Preis aus eigener Tasche zahlen. Ich weiß, dass er oftmals bis spät in die Nacht arbeitet. Er liebt die nächtliche Ruhe.“

Sie mussten nicht weit gehen. Am Rande des Marktplatzes kam ihnen bereits eine Gestalt entgegen. Es war der Juwelier Christoph. Er trug keinen Mantel, seine Haare waren zerzaust, und in seinen Händen hielt er das alte Buch fest an seine Brust gepresst. Sein Gesicht war blass, doch als er Martin und Mara sah, blieb er stehen und atmete tief aus.

„Ich konnte nicht schlafen“, sagte Christoph, und seine Stimme zitterte – nicht vor Kälte, sondern vor innerer Bewegung. Seine Augen, die sonst nur den Schliff von Edelsteinen prüften, blickten nun tief in die Nacht. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich mein falsches Spiel vor mir. Ich besitze die reinsten Diamanten der Stadt, aber heute Abend wog die Schuld auf meiner Brust schwerer als jeder Stein. Kein falscher Glanz kauft das Gewissen wieder auf.“

Er trat vor Mara und reichte ihr das Buch mit einer tiefen Verbeugung. „Bitte, nehmen Sie es zurück. Morgen werde ich Ihnen den ehrlichen Preis dafür bezahlen. Ich will diese Schuld nicht mit in meinen Schlaf nehmen. Wahrer Reichtum bemisst sich nicht in Karat.“

Mara lächelte, und ihr reines Herz strahlte so hell, dass es die Dunkelheit der Nacht vollkommen vertrieb. Sie nahm das Buch, hielt aber gleichzeitig die Hände der beiden Männer.

In dieser zauberhaften Weihnachtsnacht erblickten alle drei im Traum des Friedens, was wirklich war: Kein Gold wiegt schwer im Weltenlauf, sondern die reinste, schönste Harmonie dreier Seelen, die sich im Licht der Wahrheit begegnet waren. Als sie gemeinsam durch den glitzernden Schnee nach Hause gingen, wachte ein stiller, innerer Seelenschutz über sie – friedvoll durch die Dunkelheit, während ihre reinen Herzen sie anlachten.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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