Wer jedes Maß an Scheu vergisst,
und rücksichtslos die Welt begeht,
verkennt, dass er nur Schatten frisst,
während sein Bild im Licht verweht.
Doch blickt er nie ins eigne Sein, bleibt
ihm der Geist ein fremdes Land, er
sperrt die Einsicht bebend ein und
baut sein Haus auf bloßem Sand.
Wo Scham als stumme Wächterin fehlt,
wird jedes Wort zum spitzen Stein,
der andere Seelen wund und quält,
und lässt sie tief verstört allein.
Die Nähe weicht, das Band zerreißt,
wo Gier den Anstand stürzt vom Thron,
und was er stolz „Erfolg“ noch heißt,
ist nur der Einsamkeit kühler Lohn.
So sucht er blind nach fremder Gunst,
doch erntet Echo, leer und weit –
denn Respekt ist eine stille Kunst,
gewebt aus Herz und Menschlichkeit.
Wo einst die scharfen Worte fielen
und Kälte zwischen Seelen stand,
beginnt ein neues, leises Spielen,
reicht Reue nun die off’ne Hand.
Der Blick, der früher fremd und hart,
sucht nun den Spiegel, tief und klar,
und hütet, was er sich bewahrt:
Dass er ein Teil des Ganzen war.
Es braucht Geduld, bis Wunden heilen,
bis Misstrauen sanft dem Frieden weicht,
wenn wir die Stille wieder teilen, und
Herzschlag sich dem Herz angleicht.
Ein Wort, ein Nicken, kaum ein Laut,
knüpft neues Garn an altem Riss,
bis man einander wieder traut
und tilgt die bitt’re Finsternis.
Denn Anstand ist der Boden nur,
auf dem die Liebe Wurzeln schlägt,
und Menschlichkeit die gold’ne Spur,
die uns durch alle Stürme trägt.
Wer Scham als Kompass neu versteht,
findet am Ende heim zum Du –weil
Versöhnung wie ein Windrad weht
und schenkt der müden Seele Ruh‘.

Dana Stella Schuhr

Schreibe einen Kommentar