Der Blick bleibt starr am fremden Bild gebannt,
sucht dort den Fehler, den man selbst nicht sieht.
Was man in sich noch niemals hat erkannt,
wird auf das Du gelegt, bis Nähe flieht.
Man deutet blind, was man nicht greifen kann,
und biegt die Wahrheit, bis sie passend scheint.
Die Schuld beginnt stets bei dem andern dann,
während im eignen Innern etwas weint.
Wo Misstrauen tiefe Gräben schlägt,
wird jedes Wort zum bitteren Verdacht.
Die Zuversicht, die einst das Herz bewegt,
verliert im Vorwurf langsam ihre Macht.
Ein Herz, das liebt, erträgt die stumme Qual,
wenn Ehrlichkeit im Zweifel untergeht.
Aus Nähe wird ein kalter Gerichtssaal,
in dem kein Wort mehr unverletzt besteht.
Das eigne Ich bleibt blind für jede Wunde,
die Unterstellung tief ins Innre schlägt.
Und Tag um Tag, in jeder neuen Stunde,
wird fortgenommen, was den Selbstwert trägt.
Die Psyche wehrt sich gegen stete Kälte,
wenn kein Verstehen mehr die Brücke baut.
Weil eine Welt, in der nur Härte gälte,
dem Seelenfrieden seine Wurzeln raubt.
So geht man fort – nicht, weil die Liebe schwand,
nicht, weil das Herz nicht mehr zu fühlen wagt.
Man löst das Band mit zitternder Hand,
weil Selbstschutz laut nach einer Grenze fragt.
Wer niemals seinen eignen Spiegel fragt
und nur im Du den Sündenbock erkennt,
steht bald allein im Raum, der stumm beklagt,
dass man den Menschen, den man liebt, verbrennt.

Stella Schuhr ⭐

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