Der Morgen danach

1 Minute

Die Nacht war kurz, der Wecker schrillt,
er schleppt sich müde ins Quartier,
wo sein geliebter Spiegel hängt –
das Richterpult fürs müde Raubtier

Er mustert kritisch sein Gesicht, schiebt
Kinn und Brust nach vorn mit Schwung.
Die Zinnen stören heute nicht,
schon sucht er nach Rechtfertigung.

Er kämmt das Haar in stiller Ruh, sein
Ego saugt sich langsam voll. Der Spiegel
raunt ihm schmeichelnd zu : „Mensch
Hirsch, du bist und bleibst doch toll!“

Da öffnet sich die Badezimmertür,
sein Gretchen kommt im Morgenrock,
Mit Zahnbürste mustert sie das Tier
und bricht im Keim den Eitelschock.

„Lass gut sein, Hirsch“, sagt sie und lacht,
„der Spiegel lügt, das weißt du recht.
Und zieh den Bauch nicht ganz so ein,
sonst wird dir vor dem Frühstück schlecht!“

Er lässt den Atem endlich los, der
Bauch schnellt vor, die Haltung flieht.
Er murmelt: „Frauen fehlt der Blick
für das, was man im Spiegel sieht.“

Doch Gretchen deckt den Kaffeetisch,
reicht ihm das Brötchen, küsst ihn sacht.
„Hier, nimm, mein wilder Waldesstolz,
du hast die Nacht zum Tag gemacht.“

Der Hirsch kaut stumm, das Ego schweigt,
der Kaffee wärmt das müde Haupt.
Und er erkennt: Es lebt sich gut,
wenn jemand an den Kern geglaubt.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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