Die getrennten Hälften

In grauer Vorzeit, längst entfloh’nen Tagen,
War unser gleichen noch ein ganzes Sein;
Wir kannten weder Kummer noch Verklagen,
In unsrer Fülle waren wir allein.

Ein Wesen nur, in sich so fest geschlossen,
Dass kein Begehren uns den Frieden stahl,
Vom Glanze reiner Einigkeit begossen, fern
jeder Not und fern der Sehnsucht Qual.

Doch Zeus, erzürnt ob unsrer stolzen Weise,
Zerschnitt das Band, das uns einst fest um-
schlang, Und schickte uns auf jene bange Reise,
Die uns das Herz in tausend Stücke zwang.

Nun wandeln wir als Schatten durch die Lande,
Vom Frost der Unvollkommenheit berührt,
und suchen an des Lebens ödem Rande
den Teil, welcher uns zur Seligkeit geführt.

Oft wird das Herz im Suchen müd’ und trübe,
Verliert sich in der Laune kaltem Schein,
vergisst im Dunkeln fast die wahre Liebe,
Und glaubt, für ewig unvollständig sein.

Doch welch ein Segen, wenn nach langen Jahren,
Zwei Hälften sich im Weltenlauf erspähn, das
alte Einssein endlich neu erfahren und als ein
Ganzes vor dem Schicksal stehn.

Dana Stella Schuhr

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