Der Takt der Realität

24 Minuten

Es war das leise Klick, das Benedetta mitten in der Nacht weckte. Kein lautes Geräusch, nur das vertraute, metallische Geräusch des Lichtschalters im Flur.

Sie öffnete die Augen. Unter dem Türspalt zeichnete sich der schmale, gelbe Streifen des Flurlichts auf dem Teppich ab. Sie atmete tief aus, spürte die Kälte des Raumes auf ihrer Haut und blickte zur anderen Bettseite. Massimo schlief tief und fest, sein Atem ging gleichmäßig und schwer. Bestimmt hatte er das Licht am Abend einfach vergessen auszuschalten, und der alte Schalter war nun erst verspätet zurückgesprungen. Das kam vor. In alten Häusern arbeitete das Material.

Benedetta schloss die Augen wieder.

Klick.

Der gelbe Streifen unter der Tür verschwand. Dunkelheit.

Sie hielt den Atem an. Das Herz hämmerte ihr plötzlich bis zum Hals. Sie lauschte in die Stille hinein, starrte auf den dunklen Spalt. Kein Schritt. Kein Atmen. Neben ihr bewegte sich Massimo nicht einmal. Nur das rhythmische, leise Summen des Kühlschranks drang aus der Küche am anderen Ende des Flurs zu ihr.

„Massimo?“, flüsterte sie und stieß ihn sanft an der Schulter an. Er murmelte nur etwas Unverständliches, drehte sich auf die Seite und schlief weiter.

Benedetta zwang sich aus dem Bett. Die Holzdielen waren eisig unter ihren nackten Füßen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie sich durch zähen Sirup bewegen. Sie legte die Hand auf den kühlen Messingknauf der Schlafzimmertür, drückte ihn lautlos nach unten und zog die Tür ein Stück auf.

Der Flur war leer. Das schwache Mondlicht fiel durch das Fenster am Ende des Ganges und warf lange, verzerrte Schatten der Zimmerpflanzen an die Wand.

Sie trat hinaus und ging zum Lichtschalter. Sie drückte ihn nach unten. Das Licht ging an. Der Flur wirkte im hellen, gelblichen Schein völlig normal, fast banal. Sie schüttelte den Kopf über ihre eigene Schreckhaftigkeit. Wahrscheinlich war es eine Dehnung der Leitungen oder ein Wackelkontakt.

Sie schaltete das Licht wieder aus, drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer. Sie legte sich hin, zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich auf das gleichmäßige Atmen von Massimo, um zur Ruhe zu kommen.

Klick.

Der gelbe Streifen war wieder da. Das Flurlicht brannte.

Benedetta rührte sich nicht. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie blickte starr zur Seite. Massimo lag unverändert da, das Gesicht zur Wand gedreht, vollkommen ruhig. Ein unheimlicher Gedanke blitzte in ihr auf: Wer war gerade an dem Schalter vorbeigegangen? Sie hatte die Haustür von innen zweifach verriegelt. Die Fenster waren geschlossen.

Sie lag minutenlang absolut regungslos da. Nichts bewegte sich vor der Tür. Kein Schatten brach das Licht.

Schließlich siegte die nackte Nervosität über die Angst. Sie warf die Decke zurück, stürmte zur Tür und riss sie auf.

Der Flur war hell erleuchtet. Und leer.

Benedetta ging mit schnellen Schritten zum Schalter, drückte ihn energisch nach oben, um das Licht zu löschen, und hielt den Finger auf der Plastikwippe gedrückt. Sie wollte spüren, ob sich mechanisch etwas von alleine bewegte.

Nichts. Das Licht war aus. Die Dunkelheit hüllte sie wieder ein.

Sie atmete zittrig durch, ließ den Schalter los und wollte gerade den ersten Schritt zurück ins Schlafzimmer machen, als ihr Blick auf den Boden fiel.

Im fahlen Mondlicht, das durch das Fenster fiel, spiegelte sich etwas auf den dunklen Holzdielen direkt vor ihren Füßen.

Es waren Abdrücke. Die feuchten, glänzenden Umrisse von nackten Füßen. Sie kamen nicht aus der Küche. Sie kamen nicht von der Haustür.

Die Spuren begannen mitten im Flur, genau dort, wo sie gerade gestanden hatte. Zwei feuchte Abdrücke, die genau in die Gegenrichtung zeigten – zu ihr hin. Und direkt daneben, noch fast unsichtbar, begann sich ein neuer, feuchter Abdruck abzuzeichnen. Direkt neben ihren eigenen Füßen.

Benedetta wagte es nicht, den Kopf zu drehen. Denn in der absoluten Stille des Flurs, direkt an ihrem rechten Ohr, setzte das Summen des Kühlschranks für einen winzigen Moment aus.

Und ein warmer, vertrauter Atemzug strich ihr über den Nacken – während sie durch die offene Schlafzimmertür sehen konnte, dass Massimo immer noch regungslos im Bett lag.

Benedetta stand vollkommen starr. Das Einzige, was sich bewegte, war das Blut, das wie flüssiges Eis durch ihre Adern schoss.

Der Atem an ihrem Nacken war warm. Zu warm. Er roch ganz schwach nach der Pfefferminz-Zahnpasta, die Massimo vor dem Schlafengehen benutzt hatte. Ein vertrauter, alltäglicher Geruch, der in diesem Moment die reinste Blasphemie war. Denn ihr Blick war starr durch die offene Zimmertür gerichtet. Dort, im fahlen Licht des Flurs, zeichnete sich Massimos Silhouette unter der Bettdecke ab. Er lag auf der Seite. Unverändert.

Wenn Massimo dort drüben liegt … wer steht dann hinter mir?

„Massimo?“, brachte sie heraus. Es war kaum mehr als ein tonloser Luftstoß.

Die Gestalt hinter ihr antwortete nicht. Aber die Wärme an ihrem Nacken verschwand. Stattdessen hörte Benedetta ein hauchdünnes, fast unhörbares Geräusch auf den Holzdielen. Das klebrige Saugen von nackter, feuchter Haut auf Holz.

Schritt.

Sie wirbelte herum. Die nackte Panik riss ihre Muskeln herum, noch bevor ihr Verstand zustimmen konnte.

Der Flur war leer.

Niemand stand vor ihr. Das Mondlicht lag ungerührt auf den Möbeln. Doch als sie den Blick senkte, sackte ihr das Herz in die Magengrube. Direkt vor ihren Füßen war ein neuer, feuchter Abdruck auf dem Boden aufgetaucht. Er wies jetzt in Richtung Schlafzimmer.

Völlig kopflos stolperte Benedetta rückwärts. Sie prallte gegen den Türrahmen, flüchtete sich ins Schlafzimmer und warf die Tür hinter sich zu. Sie drehte den Schlüssel im Schloss herum – Klack – und presste den Rücken gegen das Holz. Ihre Knie zitterten so heftig, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte.

„Massimo! Wach auf! Bitte, Massimo!“, schrie sie nun, die Tränen schossen ihr in die Augen.

Die Gestalt im Bett rührte sich. Langsam, fast schlaftrunken, begann Massimo sich umzudrehen. Er zog die Decke ein Stück nach unten.

Benedetta atmete erleichtert auf. „Gott sei Dank, Massimo, da ist irgendwas im Flur, da sind Spuren und— Milch…“

Das Wort starb auf ihrer Zunge.

Der Mann, der sich aus dem Bett schälte und sie mit schmalen, müden Augen ansah, war Massimo. Es war sein Gesicht, seine dunklen Locken, seine Schultern. Er rieb sich über die Augen. „Benedetta? Was ist denn? Warum schreist du so?“

Seine Stimme. Sie klang perfekt.

Aber Benedetta konnte sich nicht bewegen. Ihr Blick war auf seine nackten Füße am Bettrand geheftet.

Sie waren vollkommen trocken.

Und während Massimo aufstand und einen Schritt auf sie zumachte, hörte Benedetta plötzlich ein Geräusch, das sie völlig den Verstand kosten ließ. Es kam nicht von dem Massimo, der vor ihr stand.

Es kam von direkt hinter ihr. Aus dem Holz der verschlossenen Schlafzimmertür.

Ein leises, tiefes Atmen. Und dann die vertraute Stimme ihres Mannes, die ganz dicht an der Außenseite der Tür flüsterte: „Benedetta? Warum hast du mich ausgesperrt? Ich bin doch gerade erst aus dem Bad gekommen …“

Benedetta stand in der Mitte des Zimmers. Gefangen zwischen zwei Ehemännern. Und sie wusste nicht mehr, ob sie ihren Augen, ihren Ohren oder ihrem eigenen Verstand noch trauen durfte.

Benedetta stand wie festgefroren im Raum. Ihre Lungen brannten, als hätte sie Rasierklingen eingeatmet, und das Blut in ihren Ohren dröhnte so laut, dass es das Klopfen ihres eigenen Herzens übertönte.

Traue nicht deinen Augen. Traue nicht deinen Ohren.
Die Worte ihres eigenen inneren Monologs fraßen sich in ihren Verstand.

Vor ihr stand Massimo. Er sah sie besorgt an, die Stirn in Falten gelegt, die Hände leicht erhoben, als wollte er ein aufgeschrecktes Tier beruhigen. „Amore, du zitterst ja am ganzen Körper“, sagte er, und seine Stimme hatte genau diesen warmen, leicht rauen Unterton, den er immer hatte, wenn er gerade aufgewacht war. Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Seine Füße hinterließen keine Spur auf dem Teppich. Sie waren trocken.

Hinter ihr, getrennt nur durch ein paar Zentimeter billiges Sperrholz, rüttelte plötzlich die Türklinke. Ganz sachte.

„Benedetta? Mach die Tür auf. Es ist kalt hier draußen.“ Die Stimme von der anderen Seite klang absolut identisch. Sie flehte. Sie klang verletzlich. Genau so klang Massimo, wenn er sich ausgeschlossen fühlte.

Sie stand exakt in der Mitte des Zimmers. Jede Richtung bedeutete potenziell den Tod – oder den absoluten Verlust des Verstandes. Sie musste handeln. Jetzt. Bevor einer von beiden die Geduld verlor.

„Bleib stehen!“, schrie sie den Massimo vor sich an. Ihre Stimme überschlug sich.

Er stoppte sofort. Ein verletzter, zutiefst verwirrter Ausdruck trat auf sein Gesicht. „Benedetta … ich bin es doch. Was ist denn los mit dir?“

„Wenn du es bist“, wimmerte sie, während sie sich langsam seitlich wegbewegte, den Blick starr auf ihn gerichtet, bis sie die Kommode an der Wand im Rücken hatte, „dann sag mir … was hast du mir an unserem letzten Jahrestag in Venedig geschenkt?“

Es war eine Fangfrage. Sie waren nie in Venedig gewesen. Ihr letzter Jahrestag war ein verregneter Dienstag in einem kleinen Bistro drei Straßen weiter gewesen.

Der Massimo vor ihr lächelte mild. Ein perfektes, beruhigendes Lächeln. „Venedig? Amore, du wirfst da was durcheinander. Wir waren doch gar nicht in Venedig. Wir haben Pizza geholt und die ganze Nacht diese schreckliche Dokumentation geschaut, weil es so geschüttet hat.“

Ihr stockte der Atem. Er wusste es. Er wusste es perfekt.

„Benedetta!“, rief nun die Stimme von draußen, und das Rütteln an der Klinke wurde heftiger, fordernder. „Hör nicht auf ihn! Er ist nicht real! Erinnerst du dich nicht? Ich bin aufgestanden, um ein Glas Wasser zu holen! Ich bin dein Massimo!“

„Schatz, wer ist das an der Tür?“, fragte der Massimo im Zimmer. Seine Stimme verlor plötzlich ein winziges Stück ihrer Wärme. Sie wurde flach. Mechanisch. „Warum antwortet da mein Spiegelbild?“

Benedetta spürte mit den Fingern hinter ihrem Rücken nach der schweren Glasschale, die auf der Kommode stand. Ihre Finger schlossen sich um das kühle, massive Kristall. Sie durfte keinem von beiden vertrauen. Sie musste einen Keil in diese perfekte Illusion treiben.

„Massimo“, sagte sie zu dem Mann im Raum, während sie die Schale fest umschloss. „Wenn du mein Mann bist … dann blute für mich.“

Der Massimo vor ihr legte den Kopf schräg. Es war eine unnatürliche, viel zu schnelle Bewegung. Das Knacken seiner Halswirbel war im Raum zu hören. „Bluten? Warum sollte ich das tun, Amore?“

Draußen vor der Tür verstummte das Rütteln schlagartig.

In der plötzlichen, bleiernen Stille des Raumes hörte Benedetta ein neues Geräusch. Ein leises, rhythmisches Klopfen. Es kam nicht von der Flurtür.

Es kam von dem Massimo vor ihr. Er bewegte seine Hand. Seine Fingerkuppen tippten im exakten, gleichmäßigen Takt gegen seinen eigenen Oberschenkel. Tick. Tick. Tick. Wie ein Metronom. Wie der Takt einer Ewigkeit, die keine menschliche Zeit kannte.

Und durch den Spalt unter der Flurtür begann in diesem Moment etwas Dunkles, Zähflüssiges in das Schlafzimmer zu sickern. Es war kein Wasser. Es war dunkel, fast schwarz im Mondlicht.

Die Stimme von draußen flüsterte nun nicht mehr. Sie lachte. Ein trockenes, rasselndes Geräusch, das im perfekten Gleichklang mit dem Tippen der Finger des Massimos im Zimmer vibrierte.

Die Masken fallen langsam, und die unheimliche Natur der Doppelgänger bricht durch.

Benedetta zögerte keine Sekunde länger. Als das synchrone Lachen von draußen und das mechanische Tippen im Zimmer zu einer einzigen, unheilvollen Frequenz verschmolzen, handelte sie aus reinem Überlebensinstinkt.

Sie riss die schwere Kristallschale von der Kommode und schleuderte sie mit aller Kraft nach vorn. Doch sie zielte nicht auf den Massimo vor ihr. Sie schleuderte das Glas direkt in die große Fensterscheibe des Schlafzimmers.

Ein ohrenbetäubendes Klirren zerschnitt die unheimliche Stille. Die Scheibe barst in tausend scharfe Splitter, die wie Diamanten im Mondlicht glitzerten und auf das Vordach darunter krachten. Kalte Nachtluft und der vertraute Geruch von feuchter Erde und Herbstlaub strömten augenblicklich in den Raum. Es war das erste echte, unberührte Signal der Realität an diesem Abend.

„Benedetta, was tust du da?“, fragte die Gestalt im Zimmer. Die Stimme war nun völlig verzerrt, als würden mehrere Tonspuren übereinanderlaufen. Der Körper des falschen Massimos machte einen ruckartigen, unnatürlichen Satz nach vorn. Seine Glieder bewegten sich steif, wie die einer Marionette, deren Fäden zu straff gezogen waren.

Gleichzeitig gab die verschlossene Holztür hinter ihr mit einem lauten Splittern nach. Das Holz barst nicht durch rohe Gewalt, sondern schien schlicht unter der Last der dunklen, zähen Flüssigkeit zu verfaulen, die nun unaufhaltsam ins Zimmer schwemmte.

Benedetta sah nicht mehr hin. Sie schwang sich auf das Fensterbrett. Die scharfen Glassplitter schnitten ihr in die nackten Knie und Handflächen, doch sie spürte den Schmerz kaum – das Adrenalin betäubte alles. Sie stieß sich ab und sprang.

Sie landete hart auf dem flachen, blechernen Vordach der Veranda, rollte sich ab und schlitterte über die Kante, bis sie im nassen Gras des Gartens landete. Der Aufprall raubte ihr für einen Moment den Atem. Keuchend rappelte sie sich auf, die Füße voller Schlamm und Blut, und rannte. Sie blickte nicht zurück, bis sie die Straße erreichte, die einsam im Schein der Straßenlaternen lag.

Das Dorf war wie ausgestorben. Sie lief, bis ihre Lungen brannten, hinein in das Zentrum, wo die hell erleuchtete, gläserne Front der rund um die Uhr geöffneten Tankstelle wie eine Oase der Zivilisation wirkte.

Keuchend stieß sie die Glastür auf. Das grelle, künstliche Neonlicht schnitt ihr in den Augen. Hinter der Kasse saß ein junger Mann mit Kopfhörern, der gelangweilt auf sein Handy starrte. Beim Geräusch der Tür blickte er auf und riss entsetzt die Augen auf, als er Benedettas Zustand sah: zerrissene Nachtwäsche, blutende Hände, schlammverschmierte Beine.

„Oh Gott, ist alles okay? Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er und sprang auf.

„Rufen Sie … rufen Sie die Polizei“, brachte Benedetta zwischen zwei Atemzügen hervor. Sie klammerte sich am Tresen fest, um nicht umzukippen. „In meinem Haus … da ist jemand. Mein Mann … irgendwas stimmt nicht.“

Der Kassierer nickte hastig, tippte zittrig auf seinem Handy herum und hielt es sich ans Ohr. „Ja, hallo? Ich brauche dringend die Polizei an der Tankstelle in der Hauptstraße. Hier ist eine Frau gelaufen gekommen, sie steht unter Schock, blutet …“

Benedetta schloss für einen kurzen Moment die Augen. Das vertraute, banale Surren der Getränkeautomaten und das Brummen der Kühlschränke in der Tankstelle gaben ihr Halt. Das hier war die Realität. Das grelle Licht. Der Geruch von billigem Kaffee und Benzin. Sie war entkommen.

„Okay, die Streife ist in fünf Minuten hier“, sagte der junge Mann beruhigend, legte das Handy weg und kam hinter dem Tresen hervor. „Kommen Sie, setzen Sie sich erst mal auf den Stuhl da hinten. Ich hole Ihnen ein Pflaster und ein Glas Wasser.“

„Danke“, flüsterte Benedetta. Sie spürte, wie die Tränen der Erleichterung ihr endlich über die Wangen liefen.

Sie folgte ihm mit müden Schritten in Richtung der kleinen Kaffeeecke. Der Kassierer ging vor ihr her. Er trug Turnschuhe. Doch als Benedetta den Blick senkte, um nicht auf die Fliesen zu bluten, erstarrte sie mitten im Schritt.

Der Kassierer machte einen Schritt vorwärts. Aus der Sohle seines rechten Schuhs sickerte bei jedem Auftreten eine winzige Menge einer dunklen, zähflüssigen Substanz. Sie hinterließ einen feuchten, glänzenden Abdruck auf den weißen Fliesen.

Und noch während Benedetta den Atem anhielt, hob der junge Mann die Hand, um nach den Bechern zu greifen. Seine Fingerkuppen begannen zu zucken.

Gegen die Plastikbecher. Im exakten, gleichmäßigen Rhythmus.
Tick. Tick. Tick.

Der Kassierer drehte sich langsam zu ihr um. Sein Gesicht war vollkommen ruhig, fast mitfühlend. Und mit einer Stimme, die plötzlich den warmen, leicht rauen Unterton von Massimo annahm, flüsterte er:

„Amore … warum rennst du denn weg? Wir sind doch überall.“

Das Grauen hat Benedetta eingeholt und zeigt, dass die gesamte Umgebung bereits infiziert oder manipuliert ist.

Benedetta wartete nicht, bis der falsche Kassierer die Hand ganz nach ihr ausstreckte. Das Adrenalin, das gerade erst abgeflaut war, schoss mit doppelter Wucht zurück in ihre Muskeln.

Sie stieß einen heiseren Schrei aus, wirbelte auf dem Absatz herum und rammte mit vollem Körpergewicht gegen die gläserne Schiebetür der Tankstelle. Die Sensoren reagierten zu langsam, sodass sie die Glasscheiben mit den Händen aufreißen musste. Die scharfen Kanten schnitten erneut in ihre bereits verletzten Finger, doch sie spürte es nicht einmal.

Sie stolperte hinaus in die kalte Nachtluft.

Hinter ihr ging die Schiebetür mit einem mechanischen Zisch ganz auf. Sie blickte nicht zurück, doch in der Stille der Straße hörte sie es genau: Es war nicht das Geräusch von laufenden Turnschuhen auf Asphalt. Es war das kollektive, rhythmische Klatschen von nackter, feuchter Haut. Und es kam nicht nur aus der Tankstelle.

Aus den dunklen Einfahrten der Nachbarhäuser, aus den Schatten der parkenden Autos und den Gassen zwischen den Gebäuden schälten sich Gestalten. Sie hatten keine Gesichter, die sie im fahlen Licht der Straßenlaternen erkennen konnte – oder vielleicht weigerte sich ihr Verstand einfach, sie scharf zu stellen. Aber sie alle bewegten sich vorwärts. Ruckartig. Steif. Wie Marionetten, deren Fäden im Gleichklang gezogen wurden.

Und sie alle tippten mit den Fingern im exakten, mörderischen Takt gegen ihre eigenen Oberschenkel. Tick. Tick. Tick. Das Geräusch schwoll an, bis es die ganze Straße erfüllte wie das Ticken einer riesigen, unsichtbaren Standuhr.

Benedetta rannte mitten auf der Fahrbahn. Ihre nackten Füße waren taub vor Kälte, die Schnitte brannten wie Feuer, und jeder Atemzug fühlte sich an wie pures Gift. Das grelle Licht der Straßenlaternen warf ihre eigenen, langen Schatten vor sie hin – und mit Entsetzen sah sie, dass sich die Schatten der Bäume und Schilder am Straßenrand unnatürlich zu ihr herbeibogen, als wollten sie nach ihr greifen.

Am Ende der Straße sah sie die Brücke über den Fluss. Dahinter lag die Bundesstraße, die Dunkelheit des Waldes, vielleicht echte Autofahrer, echte Menschen. Ein letzter Funke Hoffnung.

Sie erreichte das eiserne Geländer der Brücke, als das Ticken hinter ihr abrupt verstummte.

Die plötzliche Stille war schlimmer als das Geräusch zuvor. Benedetta stoppte unwillkürlich und klammerte sich an das kalte Metall des Geländers. Sie wagte es, den Kopf zu drehen.

Die Straße hinter ihr war leer. Keine Gestalten. Kein Kassierer. Nur der leere Asphalt im gelben Schein der Laternen.

Sie atmete zittrig aus, Tränen der Erschöpfung liefen ihr über das Gesicht. War es vorbei? War sie weit genug weg?

Da bemerkte sie das Licht.

Das Scheinwerferlicht eines Autos, das sich langsam vom anderen Ende der Brücke näherte. Ein ganz normales, weißes SUV. Es bremste sachte ab und hielt nur wenige Meter von ihr entfernt. Die Fahrertür öffnete sich. Ein älterer Mann mit einer Brille und einer dicken Winterjacke stieg aus. Er sah zutiefst besorgt aus.

„Um Gottes willen, junge Frau!“, rief er und kam mit schnellen Schritten auf sie zu. „Was ist Ihnen denn passiert? Brauchen Sie Hilfe? Steigen Sie ein, ich fahre Sie sofort ins Krankenhaus!“

Benedetta starrte ihn an. Sie suchte seine Hände mit den Augen. Sie waren ruhig. Seine Schuhe waren trocken. Er bewegte sich vollkommen flüssig, vollkommen menschlich.

„Bitte …“, schluchzte sie und machte einen Schritt auf das Auto zu. „Bitte helfen Sie mir. Da ist irgendwas … in der Stadt … alle …“

„Schsch, alles wird gut. Sie sind jetzt in Sicherheit“, sagte der Mann mit einer unendlich sanften, beruhigenden Stimme. Er öffnete die Beifahrertür für sie. „Kommen Sie erst mal ins Warme.“

Benedetta wollte gerade den Fuß auf das Trittbrett des Wagens setzen, als ihr Blick auf das Armaturenbrett des Autos fiel.

Dort, im digitalen Display des Navigationssystems, war keine Karte zu sehen. Es gab keine Straßennamen, keine Entfernungsanzeigen. Auf dem Bildschirm blinkte, in grellen, roten Buchstaben, immer und immer wieder nur ein einziges Wort auf:

AMORE

Benedetta wich mit einem gellenden Schrei zurück.

Der Mann an der Tür sah sie an. Sein besorgter Blick veränderte sich nicht. Das freundliche Gesicht blieb absolut identisch. Aber er hob ganz langsam den rechten Arm, legte die Fingerkuppen an das Lenkrad und begann zu tippen.

Tick. Tick. Tick.

„Warum steigst du nicht ein, Amore?“, fragte er. Und aus dem Radio des Autos, aus den Lautsprechern in den Türen und aus den dunklen Fluten des Flusses unter der Brücke antwortete ihr die Stimme von Massimo im perfekten, tausendfachen Echo:

„Der Takt der Ewigkeit verpasst keinen einzigen Schlag.“

Benedetta sah an sich herab. Und auf dem kalten Beton der Brücke, direkt unter ihren eigenen, blutenden Füßen, begann sich die dunkle, zähe Flüssigkeit aus dem Boden zu fressen. Sie schloss die Augen und trat einen Schritt zurück – dorthin, wo das Geländer der Brücke endete und nur noch die Schwärze des Abgrunds auf sie wartete.

Benedetta stand an der Kante der Brücke. Unter ihr schwieg die Schwärze des Flusses, hinter ihr tickte die falsche Welt im mörderischen Takt. Sie schloss die Augen. Sie war müde. Sie wollte nicht mehr rennen.

„Amore, komm zu mir“, rief die Stimme des Mannes aus dem Auto, während das zähe Schwarz ihre Füße erreichte.

In diesem absoluten Moment der Kapitulation, als der Verstand völlig aussetzte, geschah etwas Neues. Das Ticken wurde lauter, fordernder, fast aggressiv – als würde die Illusion ungeduldig werden. Und genau durch diese Aggression hindurch hörte Benedetta plötzlich etwas anderes.

Kein Ticken. Kein Lachen.
Ein Schluchzen.

Es kam nicht aus dem Auto. Es kam von ganz unten, von der Uferböschung unterhalb der Brücke. Es war ein verzweifeltes, absolut menschliches Weinen.

Benedetta öffnete die Augen. Sie blickte nicht auf den perfekten Mann im Auto. Sie blickte am Geländer hinab in die Dunkelheit. Dort, im kalten Schlamm des Flussufers, kauerte eine Gestalt. Sie trug nichts als eine zerrissene Boxershorts, war schlammverschmiert, zitterte am ganzen Körper und hielt sich schützend die Ohren zu, als wolle sie das Ticken der Welt aussperren.

Es war Massimo. Ohne die perfekte Fassade. Ohne die makellose Stimme. Er sah erbärmlich aus, schwach und am Ende seiner Kräfte.

In diesem Moment verstand Benedetta. Die Illusionen da oben – der Massimo im Bett, der Mann im Auto – sie waren nicht hier, um sie zu jagen. Sie waren hier, um sie von ihm zu trennen. Um sie so weit in den Wahnsinn zu treiben, dass sie das Kostbarste aufgab: ihn.

„Massimo!“, schrie sie.

Der Mann im Auto hielt abrupt im Takt inne. Das Gesicht des Fremden verzerrte sich zu einer wütenden, fratzenhaften Maske. Die zähe Flüssigkeit auf dem Boden schoss wie schwarze Greifhände auf sie zu.

Benedetta zögerte keine Sekunde mehr. Sie kletterte über das eiserne Geländer – und sprang. Aber sie sprang nicht in den Tod. Sie sprang gezielt hinab in den steilen, schlammigen Abhang des Ufers.

Sie rutschte hinab, überschlug sich, prallte gegen Steine, bis sie direkt neben dem zitternden Massimo im Dreck landete. Das schwarze Zeug oben auf der Brücke kreischte auf, ein hohler, windartiger Schrei, doch es konnte den steilen Abhang zum fließenden, lebendigen Wasser des Flusses nicht hinabsteigen. Wasser fließt. Wasser verändert sich. Wasser lässt sich nicht in einen starren Takt pressen.

Benedetta rappelte sich auf und zog den zitternden Mann in ihre Arme. Er war eiskalt. Seine Haut war dreckig, seine Hände voller Schrammen. Er hatte keinen perfekten Atem. Er roch nach Angst und Schlamm.

„Benedetta?“, flüsterte er, und seine Stimme brach vor Weinen. Er hielt ihre Hand. Seine Fingerkuppen lagen auf ihrem Handgelenk. Sie tippten nicht. Sie lagen einfach nur da, schwer und warm. „Ich … ich habe dich überall gesucht. Die Welt … sie hat aufgehört, Sinn zu machen.“

Sie drückte sein Gesicht an ihre Brust. Sie spürte sein Herz. Es schlug schnell, stolpernd, absolut asynchron zu dem unheimlichen Ticken da oben. Es war ein menschlicher, fehlerhafter Herzschlag.

„Ich weiß, Amore“, flüsterte sie und hielt ihn fest, während über ihnen auf der Brücke die Scheinwerfer des Autos erloschen und das Ticken langsam im Rauschen des Flusses ertrank. „Ich weiß. Aber ich habe dich. Und das ist das Einzige, was wahr ist.“

Als die Sonne Stunden später über dem Fluss aufging, war die Welt immer noch kalt und die Schnitte an ihren Händen taten weh. Aber der Flur, die Tankstelle, die Brücke – alles war wieder still. Sie saßen am Ufer, dreckig, erschöpft, aber lebendig. Die Realität war nicht repariert. Sie war vielleicht für immer verändert. Aber sie waren zu zweit. Und im unregelmäßigen, chaotischen Rhythmus ihrer beiden Herzschläge fanden sie ihren eigenen, echten Takt.

Mit einem gellenden Schrei riss Benedetta die Augen auf.

Ihr Herz hämmerte wie verrückt, Schweiß klebte auf ihrer Stirn und ihre Lungen brannten, als hätte sie wirklich kilometerweit um ihr Leben rennen müssen. Sie starrte an die Decke. Das fahle Licht des Morgengrauens schien durch das Schlafzimmerfenster. Die Scheibe war ganz. Keine Glassplitter. Kein Blut an ihren Händen.

Ein Traum. Es war nur ein Albtraum gewesen.

Ein tiefes, zittriges Aufatmen entwich ihrer Brust. Das unheimliche Ticken, das zähe Schwarz, die Doppelgänger – nichts davon war real. Sie drehte erleichtert den Kopf zur Seite, um sich in Massimos Arme zu flüchten und den Schrecken der Nacht wegzuküssen.

Die Bettseite war leer.

Die Decke war zurückgeschlagen, das Kissen kühl. Benedettas Erleichterung fror augenblicklich zu Eis. „Massimo?“, rief sie in die Stille der Wohnung. Keine Antwort. Nur das ferne, alltägliche Summen des Kühlschranks. Doch dieses Mal war es kein Täuschen. Es war die reale, einsame Stille eines leeren Hauses. Sie sprang aus dem Bett, lief in den Flur, suchte das Bad, die Küche ab. Nichts. Seine Schlüssel waren weg. Sein Auto stand nicht in der Einfahrt. Er war gestern Abend noch zu einem späten Geschäftstermin aufgebrochen – hatte er es nicht mehr nach Hause geschafft?

In diesem Moment schrillte ihr Handy auf dem Nachttisch. Der schrille Ton schnitt ihr durch Mark und Bein.

Sie stürzte zurück, riss das Telefon hoch. Auf dem Display stand eine unbekannte Nummer. Eine Nummer aus dem städtischen Krankenhaus.

„Frau … Frau Benedetta?“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung war ruhig, aber ernst. „Hier spricht Dr. Keller vom Klinikum. Bitte bewahren Sie Ruhe. Ihr Mann, Massimo, hatte in den frühen Morgenstunden einen schweren Autounfall.“

Benedetta spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegbrach. Ihre Hand zitterte so heftig, dass sie das Telefon kaum halten konnte. „Ist er… lebt er?“

„Er lebt. Er hat schwere Verletzungen, aber er ist stabil und liegt auf der Intensivstation. Er hat ein unheimliches Glück gehabt. Sein Wagen ist von der Bundesstraße abgekommen und die Böschung hinuntergestürzt. Genau an der alten Flussbrücke.“

Der Atem stockte Benedetta. Die Flussbrücke.

Der Atem stockte Benedetta. Die Flussbrücke.

„Er lag stundenlang dort unten im Schlamm, unfähig sich zu bewegen“, fuhr der Arzt fort. „Die Rettungskräfte sagten, es grenzt an ein Wunder, dass er bei dieser Kälte durchgehalten hat. Er hat im Delirium immer wieder Ihren Namen gerufen.“

Eine Stunde später stand Benedetta am Bett der Intensivstation. Das monotone, rhythmische Piepen der Herzmonitore erfüllte den Raum. Aber es war kein böses, mechanisches Ticken. Es war der Takt des Lebens.

Massimo lag da, blass, mit Schürfwunden im Gesicht und einem Verband um den Kopf. Als er die Augen öffnete und sie sah, trat ein schwaches, unendlich müdes Lächeln auf seine Lippen. Er bewegte seine Hand, die mit Infusionsschläuchen versehen war, ein Stück auf sie zu.

Benedetta brach in Tränen aus, stürzte an sein Bett und schloss ihre Finger um seine Hand. Seine Haut war warm. Seine Fingerkuppen lagen schwer und ruhig auf ihrer Haut. Sie tippten nicht.

„Amore“, flüsterte er mit rauer, schwacher Stimme. „Du warst da … im Dunkeln. Ich habe deine Stimme gehört. Ich dachte, ich schaffe es nicht … aber du hast mich gerufen. Unten am Fluss.“

Benedetta drückte seine Hand an ihre Wangen, während die Tränen unaufhaltsam flossen. In dieser Nacht hatte ihre Seele die Realität durchbrochen. Der Albtraum war keine Jagd gewesen – es war der verzweifelte Versuch ihres Unterbewusstseins, dorthin zu gelangen, wo Massimo im Sterben lag. Ihre Sehung hatte sie an den Ort des Unglücks geführt, und ihre Liebe hatte ihn wie ein unsichtbares Seil in der Realität gehalten.

Sie beugte sich vor, küsste seine Stirn und lauschte auf das unregelmäßige, wunderschöne Piepen des Monitors. Sie hatte ihn verloren geglaubt im Takt der Ewigkeit. Aber die Realität hatte sie zurück. Und sie waren zu zweit.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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