Das Licht im Regen

6 Minuten

Das monotone Trommeln des Regens auf dem Blechdach des alten Bahnhofsgebäudes klang wie ein unaufhörlicher Vorwurf. Jochen zog den Kragen seines schweren Wollmantels enger um den Hals. Seine Hände tief in den Taschen vergraben, starrte er auf die schmutzigen Wasserschlieren, die über den Asphalt jagten. Die Sorgen der letzten Monate hatten sich wie ein mächtiger, unbezwingbarer Bau in seinem Kopf eingenistet. Jedes Mal, wenn er versuchte, an die Zukunft zu denken, stieß er gegen eine Wand aus Zahlen, Mahnungen und der lähmenden Gewissheit, dass sein Lebenswerk – die kleine, traditionsreiche Buchhandlung in der Altstadt – vor dem Bankrott stand.

Er fühlte sich, als trüge er einen tonnenschweren Stein in der Brust. Die Mühsal des Alltags hatte ihn stumpf gemacht. Ein Schritt getan, der nächste drückt. Man funktionierte einfach, während die Seele leise verkümmerte. Inmitten der hastenden Menschenmasse auf dem Bahnsteig, die alle unter ihren Schirmen Schutz suchten, war Jochen vollkommen allein.

Ein heftiger Windstoß fegte über den Bahnsteig, peitschte den Regen quer unter das schützende Dach und riss einer Frau, die nur wenige Schritte von ihm entfernt stand, die Kontrolle über ihren Schirm. Der schwarze Stoff klappte mit einem lauten Knall um. Gleichzeitig rutschte ihr eine prall gefüllte, durchnässte Aktentasche aus dem Arm. Ein Schwall von losen Notenblättern und handschriftlichen Partituren ergoss sich über den nassen Boden, direkt in die tiefste Pfütze des Gleises.

„Nein, nein, nein!“, rief sie verzweifelt. Sie sank auf die Knie, die Hände im kalten Wasser, um die Blätter zu retten, doch der Wind war schneller und trieb die aufgeweichten Noten vor sich her.

Jochen überlegte nicht. Der Anblick dieser plötzlichen Not durchbrach seine eigene Starre. Er stürzte vorwärts, warf sich ebenfalls auf die Knie und fing mit beiden Händen eine Handvoll der fliehenden Papiere ab, bevor sie endgültig vom Wind verweht werden konnten.

„Hier, ich habe sie!“, rief er gegen das Prasseln des Sturms an. Seine Finger waren sofort eiskalt, das Wasser drang durch seine Jeans, aber er hielt die Blätter fest.

Gemeinsam lasen sie das klatschnasse Papier auf, bis kein Blatt mehr auf dem Boden lag. Als Jochen sich aufrichtete, um ihr den Stapel zu reichen, sah er sie zum ersten Mal richtig an. Ihr Haar klebte ihr dunkel im Gesicht, und Wassertropfen liefen über ihre Wangen – er konnte nicht sagen, ob es nur Regen oder auch Tränen waren. Doch als sie seine ausgestreckten Hände sah, schimpfte sie nicht über das Wetter oder das Schicksal. Stattdessen blitzte ein unendlich sanftes, erschöpftes Lächeln auf ihrem Gesicht auf.

„Danke“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht vor Kälte. „Das … das war die Arbeit eines halben Jahres. Mein Name ist Marion.“

„Jochen“, erwiderte er, sichtlich bewegt von ihrer Fassung. „Lassen Sie uns da drüben in die Wartehalle gehen. Hier draußen nützt das alles nichts. Die Blätter müssen trocknen.“

In der spärlich beleuchteten, zugigen Wartehalle breiteten sie die durchnässten Partituren vorsichtig auf einer hölzernen Bank aus. Jochen reichte ihr ein trockenes Stofftaschentuch aus seiner Manteltasche.

„Sie sind Musikerin?“, fragte Jochen leise, während er ein besonders stark aufgeweichtes Blatt glattstrich.

Marion nickte und versuchte, sich die nassen Haare aus der Stirn zu streichen. „Ich leite den kleinen Nachbarschaftschor und schreibe an einem eigenen Stück für das Winterkonzert. Eigentlich sollte heute die erste gemeinsame Probe mit dem Orchester sein. Aber nach dem Streit in der letzten Woche … es steht alles auf der Kippe. Manche wollen nicht mehr kommen. Die Stimmung ist vergiftet.“ Sie hielt inne und blickte auf ihre Hände. „Manchmal frage ich mich, warum ich mir die Mühe überhaupt noch mache. Man gibt alles, und am Ende steht man allein im Regen.“

Jochen spürte, wie Marions Worte wie ein Echo in seiner eigenen Brust widerhallten. Ob Einsamkeit, ob Streit zu zweit – die Sehnsucht nach Geborgenheit war dieselbe.

„Ich kenne dieses Gefühl“, sagte Jochen, und zu seiner eigenen Überraschung war da keine Bitterkeit in seiner Stimme, sondern eine tiefe, ehrliche Empathie. „Ich besitze die Buchhandlung am Markt. Seit Monaten weiß ich nicht, wie ich die nächste Miete zahlen soll. Die Großkonzerne, der Onlinehandel … sie erdrücken uns. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben rutscht mir durch die Finger, genau wie diese Notenblätter im Sturm.“

Marion sah ihn an. Ihr Blick war intensiv, voller Verstehen. In diesem Moment gab es keine Floskeln, kein mitleidiges Nicken. Sie wurden gesehen. Sie wurden erkannt.

„Es ist seltsam, oder?“, flüsterte Marion und berührte vorsichtig die Ecke einer getrockneten Partitur. „Wir halten das Glück oft für etwas Großes, Lautes. Aber vielleicht ist es das gar nicht. Vielleicht ist es einfach nur … in einer schwachen Hand gehalten zu werden, wenn man selbst keine Kraft mehr hat.“

Sie sprachen lange. Sie redeten über die Liebe zu den Büchern, über die Kraft von Harmonien und über die nackte Angst vor dem Scheitern. Mit jedem Wort, das zwischen ihnen hin und her ging, schien die Kälte aus der Wartehalle zu weichen. Jochens Sorgen waren nicht verschwunden, aber die Mauer in seinem Kopf hatte Risse bekommen. Ein Wort von ihr wirkte wie ein Anker; ein Blick aus ihren Augen erhellte seine Sicht.

Nach fast einer Stunde ließ das Trommeln auf dem Dach nach. Das heftige Prasseln ging in ein sanftes Plätschern über.

„Ich glaube, der Sturm ist vorbei“, sagte Marion leise.

Sie traten gemeinsam aus der Wartehalle auf den Bahnsteig. Der Abendhimmel über den Gleisen war ein Spektakel: Die dunklen, drohenden Wolken wallten noch immer am Horizont, aber im Westen war die Decke aufgerissen. Die tiefstehende Sonne brach mit einem fast unnatürlichen, goldenen Licht hervor und traf auf den fallenden Dunst des abziehenden Schauers.

Marion hielt den Atem an und deutete mit dem Finger nach oben. „Jochen, schau mal.“

Er hob sein Angesicht. Über den Schienen, die sich in die Ferne verloren, spannte sich ein monumentaler, makelloser Regenbogen. Die Farben waren so klar und intensiv, dass sie den grauen Bahnhof in ein buntes Farbenmal verwandelten.

„Da ist es“, flüsterte Jochen, und ein tiefes, seit Monaten vermisstes Gefühl von Frieden breitete sich in ihm aus. „Das Licht und das Nass. Sie bekämpfen sich nicht. Sie brauchen einander, um das hier zu erschaffen.“

„Aus dunkler Nacht und Sonnenstrahl“, ergänzte Marion leise und sah ihn von der Seite an. „Vielleicht formt erst der Regen unser Licht, Jochen. Vielleicht mussten wir beide heute genau hier stranden, um das zu verstehen.“

Jochen spürte, wie der Mut in ihm zurückkehrte. Die Last auf seinen Schultern war nicht weg, aber sie fühlte sich plötzlich klein an, tragbar. Er war nicht mehr allein.

Als Jochens Zug schließlich einfuhr, nahm er eine der angetrockneten Partituren, die Marion ihm zum Abschied geschenkt hatte. Auf der Rückseite stand ihre Telefonnummer.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen, Jochen“, sagte sie mit einem festen, warmen Blick.

„Nein“, antwortete er und lächelte – diesmal von ganzem Herzen. „Wir gehen nicht mehr allein im Regen.“

Der Zug fuhr an, und während Jochen aus dem Fenster blickte, sah er, wie sich ein neuer Tag am Horizont ankündigte. Die Hoffnung hatte das Tor weit geöffnet.

Dana Stella Schuhr

Dana Stella Schuhr

💜

Ich liebe es in jeglicher Form
kreativ zu sein …
Mein Motto ist: einfach mal machen!


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