
Pula: Wo Steine lebendig werden
Wo der Bogen der Sergier den Weg uns weist,
spürt man die Ahnen, den antiken Geist.
Das Amphitheater, gewaltig und rund,
steht fest auf dem istrischen, kalkweißen Grund.
Die Arena, in der einst die Helden gerungen,
wird heute von Liedern und Opern besungen.
Am Forum, beim Tempel des Augustus so fein,
kehrt bei einem Wein die Gemütlichkeit ein.
Von den Tunneln der Zerostraße, kühl und tief,
bis zum Kastell, wo die Geschichte nie schlief.
Doch zieht es uns raus aus den Mauern von Stein,
muss es die Küste von Verudela sein.
Wo Felsen ins kristallklare Wasser sich senken,
lässt die Adria uns neue Ruhe schenken.
Die Boote zieh’n leise hinaus in die Weite,
und Brijuni grüßt von der anderen Seite.
Dort wandelt man zwischen Natur und Exotik,
in Pulas ganz eigener, wilder Romantik und Erotik.
Doch senkt sich die Nacht auf den Hafen am Kai,
ist das Staunen noch lange nicht vorbei:
Die Leuchtenden Giganten, die Kräne so groß,
erstrahlen in Farben, ein Lichtspektakel grandios.
Sie tanzen im Dunkeln, ein moderner Gruß,
Pula, du bist ein historischer Genuss.
I. Der Duft nach Meer und Mandarinen
Die Wintersonne versank an jenem vierundzwanzigsten Dezember, dem Badnjak, besonders langsam und ehrfurchtsvoll hinter dem Horizont der tiefblauen Adria. Es wirkte fast so, als wolle sie den Moment hinauszögern, in dem sie das antike Pula der kalten Winternacht überließ. Sie tauchte den Himmel über dem tiefen Küstenbecken in ein episches, samtiges Violett, das an den Rändern in ein glühendes Orange und weiches Rosé überging. Dieses schwindende Licht legte sich wie ein schützender, wärmender Mantel über die jahrtausende alten, kalkweißen Steine der Stadt.
Drunten am großen Kai, wo die eisige Brise des Winters direkt auf das salzige, rhythmisch schwappende Meerwasser traf, vermischten sich die Aromen zu einer ganz besonderen, unverkennbaren Melodie für die Nase. Es roch intensiv nach frischen Algen, nach dem herben Holzrauch, der aus den unzähligen Kaminen der Altstadt emporstieg, und vor allem nach dem süßen, fruchtigen Versprechen von reifen Mandarinen aus dem Süden Dalmatiens. Große, handgeflochtene Weidenkörbe voller dieser orangefarbenen Schätze standen in jenen Stunden auf fast jedem Küchentisch der Stadt, bereit, von den klebrigen Fingern neugieriger Kinder geschält zu werden.
In der alten, außergewöhnlich geräumigen Steinvilla der Familie Radić, die nur wenige Schritte vom historischen Forum entfernt lag, brannte schon seit dem frühen Vormittag ein helles, einladendes Licht. Dieses Haus war kein gewöhnliches Gebäude; es war ein lebendiger Zeuge der Zeit. Seine mächtigen, dicken Außenmauern waren aus demselben hellen istrischen Kalkstein geschlagen, aus dem auch die monumentalen Bauten der Römer unweit davon bestanden. Sie trugen die verborgenen Geschichten, Sorgen und Freuden von mindestens vier Generationen in sich. Wenn man an den rauen Wänden entlangstrich, konnte man die Kühle des Steins spüren, während im Inneren eine wohlige, fast greifbare Wärme lauerte.
Durch die schmalen Ritzen der hölzernen, dunkelgrünen Fensterläden, die an den Seiten des Hauses im Wind leise klapperten, drang ein unbändiges, mehrstimmige Chaos aus Rufen, Lachen und dem Klappern von schwerem Geschirr. Es war das vertraute Geräusch einer Familie, die so groß, so weit verzweigt und so laut war, dass die eigenen Möbel des Hauses schon lange nicht mehr ausreichten. Bereits am Vortag hatten die Söhne und Enkel begonnen, hölzerne Stühle, lange Bänke und Hocker aus der gesamten Nachbarschaft zusammenzusuchen, um auch dem letzten Cousin und der entferntesten Tante einen Platz am Tisch zu garantieren.
II. Die Herrscherinnen des Backofens und Marijas Geheimnis
Das Epizentrum des gesamten Hauses war in diesen Stunden die riesige Wohnküche. Hier herrschte kein Chaos, sondern die strikte, liebevolle Tyrannei der Frauen. Nona Marija stand nicht allein am Herd. An ihrer Seite wirkten ihre beiden älteren Schwestern, Kata und Ruža, die extra aus den Hügeln des istrischen Hinterlandes angereist waren. Wenn die drei Schwestern zusammen in einer Küche standen, sprach niemand anderes im Haus ein Machtwort. Sie wirkten wie die drei Parzen der Antike, nur dass sie keine Lebensfäden spannen, sondern den süßesten Teig Istriens woben.
Nona Marija war keine gewöhnliche Großmutter. Wer sie ansah, suchte vergeblich nach dem typischen Bild einer zerbrechlichen, alten Frau. Sie hatte kein silbernes oder schneeweißes Haar. Ihre lange, dichte Mähne hatte die Farbe von Salz und Pfeffer – eine faszinierende, wilde Melange aus dunklen Strähnen und feinen, hellen Fäden. Entgegen der Tradition älterer Frauen an der Küste trug sie ihr Haar nicht zu einem strengen Knoten hochgesteckt, sondern selbstbewusst zu einem langen, dicken Pferdeschwanz gebunden, der bei jeder ihrer energischen Bewegungen im Takt mitschwang.

Marija besaß ein erstaunlich schönes, zeitloses Gesicht. Ihre Haut war von der Sonne und der salzigen Luft Pulas sanft gebräunt, und die wenigen Fältchen um ihre dunklen, fast schwarzen Augen wirkten nicht wie Zeichen des Verfalls, sondern wie Linien des Stolzes. Sie war eine bildschöne, stolze Kroatin. Sie trug ihren Kopf stets erhoben, die Schultern gestrafft, und in ihrer gesamten Haltung lag die unbeugsame Würde der Frauen dieser Küste, die Kriege, Stürme und harte Zeiten überstanden hatten, ohne jemals in die Knie zu gehen.
Doch es war noch etwas anderes in ihrem Blick. Ein tiefes, unnahbares Geheimnis, das wie ein schimmernder Schleier über ihrem Wesen lag. Niemand in der Familie – nicht einmal ihre Schwestern oder ihr Ehemann Goran – wagte es, dieses Geheimnis zu ergründen. Es gab da eine überlieferte Geschichte aus ihrer Jugend, eine Legende, die man sich in Pula nur hinter vorgehaltener Hand erzählte: Im Jahr 1947, als Pula inmitten der politischen Umbrüche der Nachkriegszeit lag und die Grenzen Istriens neu gezogen wurden, soll die junge Maria im Alleingang und unter Einsatz ihres Lebens ein Boot voller Flüchtlinge mitten in einer Sturmnacht an den Grenzpatrouillen vorbei durch die Klippen von Verudela manövriert haben. Sie selbst hatte nie ein einziges Wort darüber verloren. Doch wenn sie in stillen Momenten hinaus auf die Adria blickte, lag in ihren Augen eine Tiefe, die so unergründlich war wie das Meer selbst.
„Genug geträumt, Marija!“, rief Tante Kata mit ihrer rauen, vom Tabak gezeichneten Stimme und holte ihre Schwester in die Realität zurück. „Die Cukerančići warten nicht!“
In diesem Jahr hatte Marija beschlossen, dass es nicht immer nur Fritule geben durfte. Der Festtagstisch sollte die ganze Pracht Istriens widerspiegeln. Auf der großen, bemehlten Arbeitsplatte aus massivem Holz herrschte eine beeindruckende Arbeitsteilung. Tante Ruža strich mit einem kleinen Pinsel den schweren, süßen Hefeteig für die Povetica glatt. Sie verteilte eine luxuriöse, zentimeterdicke Füllung aus geraspelten Äpfeln, gehackten Walnüssen, in Rum ertränkten Rosinen, Zimt und Nelken auf dem Teig, bevor sie ihn kunstvoll zu einer dicken Rolle formte.
Marija selbst widmete sich den Pazinski cukerančići, den traditionellen Hochzeits- und Festtagskeksen Zentralistrien. Mit unglaublichem Geschick schnitt sie den mürben Teig in Streifen und formte die charakteristischen Ästchen und kleinen Kronen. Der Ofen glühte ununterbrochen, und der Duft, der durch das Haus zog, war schier betörend.
Sobald die Cukerančići goldgelb aus dem Ofen kamen, folgte der wichtigste, fast heilige Schritt: Kata tunkte die noch heißen Kekse blitzschnell in eine Schale mit warmem, hausgemachtem Malvazija-Weißwein und reinem Lozovača-Schnaps. Marija nahm sie ihr ab und wälzte sie mit einer eleganten Bewegung in grobem Kristallzucker. Der Zucker kristallisierte sofort auf der feuchten Oberfläche und glänzte wie frisch gefallener Raureif an den antiken Mauern Pulas.
Am Ende der Arbeitsplatte stapelten sich bereits die Schachteln mit den Sitni kolači – den feinen, kleinen Plätzchen, die die Schwestern in den Wochen zuvor heimlich vorbereitet hatten. Da waren die schneeweißen Vanilin kiflice, die beim bloßen Ansehen auf der Zunge zergingen. Daneben thronten die kunstvollen Breskvice, mürbe Kekse, die wie kleine, reife Pfirsiche aussahen, gefüllt mit einer Creme aus Rum, Walnüssen und Marmelade, zart rosa eingefärbt. Und natürlich die Mađarica, der Schichtkuchen aus hauchdünnen Teigplatten und dunkler Schokoladencreme, akkurat in winzige, elegante Rechtecke geschnitten.
„Goran!“, rief Marija nun, und ihr Pferdeschwanz peitschte über ihren Rücken, als sie sich zum Kamin umdrehte. „Schau nach dem Feuer! Wenn der Badnjak heute Nacht nicht richtig brennt und die Funken nicht hoch genug fliegen, dann bringt uns das neue Jahr weder Glück noch Segen. Und du weißt, wie sehr wir den Segen für die Boote brauchen!“
Ihr Ehemann Goran saß auf einem niedrigen Holzschemel direkt vor dem offenen Kamin. Er war ein hagerer, vom Leben am Meer gezeichneter Mann. Seine Haut war tief gebräunt von der istrischen Sonne, und um seine Augen herum zog sich ein dichtes Netz von tiefen Lachfalten. Als er die Worte seiner schönen Frau hörte, lachte er leise.
Seit genau fünfzig Jahren feierten die beiden diesen magischen Abend nun schon in diesem Haus, und in jedem einzelnen Jahr erinnerte sie ihn mit exakt derselben liebevollen Strenge an diese wichtige Pflicht. Zu seinen Füßen lag das absolute Herzstück des Abends: der zeremonielle Holzscheit, ebenfalls Badnjak genannt. Es war ein mächtiges, schweres Stück Eichenholz, das Goran bereits in den frühen Morgenstunden im dichten Wald weit außerhalb der Stadtgrenzen geschlagen hatte. Er hatte es nach alter Tradition sorgsam mit grünen Olivenzweigen und duftenden Lorbeerblättern geschmückt.
Nun beugte er sich mit der Demut eines Mannes vor, der die alten Bräuche ehrt, und legte den schweren Stamm behutsam in die rotglühende Glut des Kamins. Als das trockene Holz nach wenigen Sekunden lautstark knackte und die ersten Flammen gierig emporleckten, goss Goran ein paar Tropfen schweren, tiefroten Teran-Weins direkt über das brennende Holz. Sofort zischte es laut auf, und ein tiefer, erdiger Duft von verdampftem Wein und harzigem Holz erfüllte jede Ecke der Küche.
„Das Feuer brennt perfekt, meine Königin“, sagte Goran mit sanfter Stimme. Er erhob sich langsam und trat von hinten an seine Frau heran. Er legte seine großen, rauen Hände behutsam auf ihre Schultern und gab ihr einen flüchtigen, unendlich zärtlichen Kuss auf die Schläfe. Er spürte den Duft von Zitrone, Schnaps und jenem Hauch von Meer, den sie niemals ablegte. „Es brennt genau so, wie es seit fünfzig Jahren brennt. Weil manche Dinge einfach ewig halten.“
III. Das Gewimmel im Haus der dreißig Herzen
Es war genau in diesem Moment des stillen Einverständnisses zwischen den beiden Eheleuten, als die schwere, dunkel gebeizte Eichentür des Hauses mit einem lauten Knall aufflog. Mit einem Schlag wurde die beschauliche Ruhe der Küche von einer gewaltigen Welle winterlicher Kälte, dem Geruch von Frost und einem ohrenbetäubenden, fröhlichen Jubel überrollt.
Ihre Kinder, deren Ehepartner und ein auf den ersten Blick völlig unüberschaubares Gewimmel von Enkelkindern, strömten herein in die gute Stube. Da war ihr ältester Sohn Mateo, ein stämmiger, breitschultriger Fischer mit rauen Händen und vom Seewind gegerbten Wangen. Ihm folgte seine Frau Jelena, die sofort damit begann, ihren vier wilden Kindern die dicken Mützen vom Kopf zu ziehen.
Direkt hinter ihnen drängten sich Mateos Geschwister durch den schmalen Flur: Da war Ana, die mit ihrer Familie den weiten Weg aus der Hauptstadt Zagreb auf sich genommen hatte. Dann kam Luka, der seine laute, unglaublich herzliche Schwiegerfamilie aus Split im Schlepptau hatte, deren Dialekt sofort den Raum erfüllte. Und schließlich, fast ein wenig schüchtern am Ende der Schlange, die jüngste Tochter Sofia, die sich eng an die Hand ihres Verlobten Marko klammerte – einem jungen Schiffbauer, der in dieser Nacht zum ersten Mal das Vergnügen hatte, das Weihnachtsfest im Epizentrum der Radić-Familie zu erleben.
Binnen weniger Minuten verwandelte sich das alte Haus in ein flirrendes, pulsierendes Universum mediterraner Herzlichkeit und familiärer Wärme. Schwere Wintermäntel wurden in Ermangelung freier Haken einfach in großen Bergen auf die Stühle im Flur geworfen. Wangen wurden links und rechts mit lautem Schmatzen geküsst, Umarmungen waren so kräftig, dass den Umarmten kurz der Atem stockte, und die Luft war augenblicklich erfüllt von einem wilden Durcheinander aus kroatischen Rufen, lautstarken Neckereien, dem Kreischen der Jüngsten und dem unaufhörlichen Klappern von Tellern, Gläsern und Besteck.
Die kleineren Kinder stürzten, angeführt von der siebenjährigen Lana, sofort zu den tiefen, hölzernen Schalen, die auf der breiten Fensterbank der Küche aufgereiht waren. Dort stand das frische, sattgrüne Weihnachtsweizen – das Božićna pšenica –, das die Enkelkinder traditionell am Tag der Heiligen Luzia, dem dreizehnten Dezember, gepflanzt hatten. Es war prächtig, dicht und kräftig gewachsen und bildete nun ein sattes, leuchtend grünes Nest, das wie ein Versprechen auf Fruchtbarkeit und Wohlstand für das kommende Jahr wirkte. Genau in der Mitte dieses grünen Kreises brannte eine dicke, dreifarbige Kerze, die sorgsam mit einem rot-weiß-blauen Band in den Nationalfarben Kroatiens geschmückt war.
„Schau nur, Nona! Schau doch mal! Charley, komm her!“, rief die kleine Lana mit leuchtenden Augen und zeigte stolz auf die dichten Halme. „Unser Weizen ist mindestens zwei Fingerbreit höher als das von den Nachbarn drüben! Das bedeutet ganz bestimmt, dass Onkel Mateos Boote im nächsten Jahr so voller Fische sein werden, dass sie fast untergehen!“
Nona Marija wischte sich ein wenig Mehl von der Wange, ging trotz der Jahre tief in die Knie und zog das kleine, kalte Mädchen mit einer unendlichen Wärme fest an ihre Brust. Wenn sie lachte, verschwand jede Strenge aus ihrem Gesicht, und man sah nur noch die pure Schönheit dieser Frau. „Das wird es, mein gutes Herz. Das wird es ganz bestimmt. Aber weißt du auch, warum es so hoch gewachsen ist? Nicht wegen der Erde, sondern weil du es jeden Tag mit so viel Liebe und so viel Fleiß gegossen hast. Das ist das ganze Geheimnis.“
Währenddessen versammelten sich die Männer, die älteren Jungen und die Schwiegersöhne um den monumentalen, dunkel hölzernen Tisch im angrenzenden Esszimmer. Nach dem alten, unumstößlichen Gesetz der Familie wurde am Heiligabend bis zum Sonnenuntergang streng gefastet. Es gab tagsüber kein Fleisch, keine schweren Fette, sondern stattdessen die traditionellen, einfachen, aber unendlich köstlichen Gaben der istrischen Küste.
In der absoluten Mitte des Tisches thronte eine gewaltige, weiße Keramikschüssel mit Bakalar na bijelo. Der getrocknete Kabeljau war bereits Tage zuvor in kaltem Wasser eingeweicht, stundenlang von den Männern der Familie mit Holzhämmern geklopft, sanft gekocht und anschließend mit geradezu verschwenderischen Mengen an goldenem, frisch gepresstem Olivenöl aus den eigenen Hainen der Familie, feingehacktem Knoblauch und frischer Petersilie zu einer cremigen, schneeweißen Perfektion aufgestampft worden. Daneben dampften Schüsseln mit weich gekochten Kartoffeln, mehrere Laibe hausgemachtes, noch ofenwarmes Krustenbrot und eine riesige Platte mit feinstem, im eigenen Saft gebackenem Tintenfisch.
Als schließlich alle ihren Platz gefunden hatten – die Erwachsenen dicht an dicht gedrängt auf den zusammengewürfelten Stühlen, die kleinsten Enkelkinder gemütlich auf den Knien ihrer Onkel und Tanten –, wurde es für einen kurzen, feierlichen Moment mucksmäuschenstill im Raum. Nur das beruhigende Knistern des Badnjak-Log im Kamin war noch zu hören.
Goran, der Älteste und das Oberhaupt der Familie Radić, erhob sich langsam von seinem Platz am Kopfende des Tisches. Er blickte schweigend in die große Runde. Er sah die Gesichter seiner Kinder, in denen er seine eigene Jugend wiedererkannte, sah das wilde, unbeschwerte Leuchten in den Augen seiner Enkel und blickte schließlich ans andere Ende des Tisches, wo das warme, rötliche Licht des Kamins sich so wunderschön in den feuchten Augen seiner geliebten Marija widerspiegelte. Seine Stimme war belegt vor tiefer, ehrlicher Rührung, als er seine Hände faltete, das traditionelle, uralte Tischgebet sprach, dem Herrn für die Gaben und die Gesundheit der Familie dankte und schließlich mit fester Stimme der gesamten Runde ein Blagoslovljen Božić – ein gesegnetes, glückliches Weihnachtsfest – wünschte. Ein vielstimmiges, tiefes „Amen“ erklang aus dreißig Kehlen, und das Festmahl begann.

IV. Ein Spaziergang durch die steinerne Geschichte
Nach dem Essen, als die riesigen Teller bis auf den letzten Rest des köstlichen Olivenöls mit Brotstücken ausgewischt worden waren und sich eine wohlige, fast betäubende Trägheit im warmen Esszimmer ausbreitete, regte sich der Tatendrang der Familie. Es gab eine ganz bestimmte Tradition, die sich die Familie Radić an keinem Heiligabend der Welt nehmen ließ, ganz gleich, wie kalt der Wind draußen pfiff oder wie müde die Beine nach dem üppigen Mahl auch sein mochten. Bevor es Zeit für die feierliche Mitternachtsmesse, die Polnoćka, in der großen Kathedrale wurde, zog es sie alle gemeinsam hinaus in die kühle, kristallklare Winternacht von Pula.
Sie packten sich gegenseitig in dicke, schwere Wollschals, zogen die Mäntel bis zum Kinn zu und knöpften die Handschuhe fest. Die älteren Brüder und Onkel nahmen die bereits sichtlich müden, kleineren Kinder Huckepack auf ihre breiten Schultern, und gemeinsam, Arm in Arm, traten sie hinaus aus der schützenden Wärme des Hauses auf die kopfsteingepflasterten, engen Gassen der Altstadt.
Draußen war die Stadt wie in einen Zauber getaucht. Der winterliche, scharfe Wind, der von den Bergen des Hinterlands herabblies, fegte die letzte Trägheit des Essens im Nu hinweg und brachte alle Sinne im Bruchteil einer Sekunde zum Erwachen. Die Straßen waren fast menschenleer, da die meisten Familien in ihren Häusern saßen, und so gehörten die Gassen in dieser Stunde fast exklusiv den Schritten und dem Lachen der Familie Radić.
Ihr gemeinsamer Weg führte sie zuerst direkt über das alte Forum, den zentralen Platz der Stadt. Dort stand er: der majestätische, antike Augustus-Tempel. Er ragte still, erhaben und von zeitloser Schönheit in das fahlen Licht des Wintermondes empor. Seine mächtigen, korinthischen Säulen wirkten in dieser Winternacht nicht wie totes Gestein, sondern wie lebendige, treue Wächter einer längst vergangenen, glorreichen Zeit. Wo im heißen, staubigen Sommer die Touristenmassen lachten und der kalte Wein in den zahllosen Straßencafés in Strömen floss, herrschte nun eine feierliche, fast andächtige, sakrale Stille. Nur das ferne, unaufhörliche und tiefe Rauschen der Adria war als ständiger Begleiter im Hintergrund zu hören.
Goran hielt die Hand seiner Marija fest in seiner tiefen Manteltasche umschlossen. Ihre Finger waren trotz der Kälte draußen wunderbar warm. „Erinnerst du dich eigentlich noch, Marija?“, flüsterte er ihr leise ins Ohr, während die Kinder und Enkelkinder mit lautem Hufgeklapper ihrer Schuhe ein gutes Stück vorausgingen. „Vor genau fünfzig Jahren standen wir an genau diesem Heiligabend an exakt derselben Stelle. Damals waren wir frisch verliebt, und es war fast noch ein bisschen kälter als heute.“
Marija blickte zu ihm auf, und ihr langes Haar, das im Wind aus dem Pferdeschwanz wehte, umrahmte ihr stolzes Gesicht. Sie lächelte und drückte seine Hand. „Natürlich erinnere ich mich, Goran. Du hattest damals ganz blaue Lippen vom eisigen Wind, aber dein unbändiger Stolz hat es dir verboten, es zuzugeben. Du hast damals steif und fest behauptet, die istrische Winterluft würde dich von innen heraus wärmen.“

Goran lachte leise, und sein Atem bildete eine kleine, weiße Wolke in der Dunkelheit. Er blickte sie an, fasziniert von dieser Schönheit, die die Jahrzehnte einfach nicht brechen konnten. „Es war auch nicht die Luft, Marija. Es warst ganz allein du. Das bist du bis heute.“
Sie gingen langsam weiter, Schritt für Schritt, vorbei am monumentalen Bogen der Sergier. Dieser antike Triumphbogen stand wie ein steinernes, reich verziertes Tor zur Vergangenheit mitten in der Fußgängerzone und wies ihnen den Weg durch die Jahrhunderte. Die alten, vom Wetter gegerbten Steine der Stadt schienen in dieser besonderen Nacht eine ganz eigene, geheimnisvolle Lebenskraft zu besitzen. Sie hatten Jahrhunderte überdauert, hatten das Kommen und Gehen von Imperien gesehen, und nun, in dieser friedlichen Nacht, schenkten sie den Menschen, die unter ihnen wandelten, ein tiefes, unerschütterliches Gefühl von Heimat, Geborgenheit und ewiger Beständigkeit.
Schließlich erreichten sie das absolute Wahrzeichen von Pula: das gigantische Amphitheater. Die Arena erhob sich in ihrer ganzen gewaltigen, runden Pracht in den nächtlichen, sternenklaren Himmel, unerschütterlich erbaut auf dem kalkweißen, harten istrischen Grund. Im Sommer war dieser geschichtsträchtige Ort das pulsierende Epizentrum der Kultur, erfüllt von den gewaltigen, gänsehauterzeugenden Stimmen weltberühmter Opernsänger. Doch in dieser Heiligen Nacht wirkte die Arena wie eine gigantische, zum Himmel hin offene Kathedrale unter den Sternen. Das Innere des weiten Runds war in tiefes Dunkel gehüllt, aber die äußeren, filigranen Bögen wurden vom fahlen Licht des Mondes so sanft gestreift und modelliert, dass der raue Stein eine ehrfurchtgebietende, fast magische Eleganz verströmte.
Marija löste kurz ihre Hand aus Gorans Tasche und trat dicht an die uralten Steine heran. Sie legte ihre flache Handfläche auf das weiße Gestein der Arena. Wer sie in diesem Moment beobachtete, hätte schwören können, dass die Steine und diese Frau miteinander kommunizierten. Beide waren wunderschön, beide waren stolz, und beide trugen Geheimnisse in sich, die sie niemals ganz preisgeben würden.
V. Maritime Erotik und die Leuchtenden Giganten
Nach diesem Moment der Andacht bogen sie gemeinsam ab und spazierten langsam hinunter zum breiten Kai des Hafens, dorthin, wo die kleinen, hölzernen Boote der Fischer im sanften, schläfrigen Takt der winterlichen Wellen hin und her schaukelten. Hier, an dieser ganz besonderen Schnittstelle zwischen der uralten, staubigen Geschichte der Römerstadt und dem ungezähmten, unendlich weiten und dunklen Meer, entfaltete Pula in der Winternacht seine ganz eigene, wilde Romantik.
Es war eine maritime, zutiefst körperliche Anziehungskraft – eine raue, fast ehrliche Eleganz, die in diesem Moment aus dem salzigen, scharfen Duft des Meeres, der unergründlichen Tiefe des schwarzen Wassers und der unnachgiebigen Kälte des Steins geboren wurde. Die Stadt wirkte in dieser späten Stunde keineswegs müde oder schläfrig; sie wirkte vielmehr seltsam lebendig, voller verborgener Geheimnisse, unerzählter Geschichten und einer stillen, stolzen, fast erhabenen Leidenschaft. Es war genau jene maritime Erotik der Küste, die Pula so unverwechselbar machte.
Plötzlich blieben die Enkelkinder wie angewurzelt stehen und zeigten mit kleinen Handschuhen aufgeregt hinaus über das weite Hafenbecken. „Seht mal! Schaut doch alle mal da rüber! Sie tanzen wieder!“
Am gegenüberliegenden Ufer des Hafens, auf dem weitläufigen Gelände der traditionsreichen Werft Uljanik, geschah in diesem Moment das allnächtliche, moderne Wunder der Stadt. Die Leuchtenden Giganten – jene riesigen, tonnenschweren, stählernen Krananlagen, die tagsüber unter lautem Tosen harte, industrielle Arbeit verrichteten – erwachten in der tiefen Dunkelheit zu einem völlig veränderten, spektakulären und gänzlich unindustriellen Leben. Zu Ehren des Heiligabends erstrahlten die eisernen Riesen nicht in ihren gewöhnlichen, kalten Arbeitsfarben. Stattdessen flammten sie in einem prächtig choreografierten, festlichen Wechsel aus tiefem, warmem Festtagsrot, strahlendem, königlichem Gold und reinem, hellem Weiß auf.
Ihre gewaltigen Silhouetten spiegelten sich in gigantischen, farbigen Schlieren auf der spiegelglatten, dunklen Oberfläche der winterlichen Adria. Es wirkte für den Betrachter so, als würden diese eisernen Riesen im Dunkeln einen lautlosen, majestätischen Gruß an die antike Stadt auf der anderen Seite des Wassers tanzen. Es war der perfekte Brückenschlag: Auf der einen Seite die zweitausend Jahre alten, stummen Steine der Römer, und auf der anderen Seite das moderne, pulsierende, farbenfrohe Herz des Hafens.
Sofia und ihr Verlobter Marko standen während dieses Schauspiels ein kleines Stück abseits. Marko bemerkte, wie Sofia leicht fröstelte, trat von hinten an sie heran, legte seine starken Arme um ihre Schultern und zog sie eng an seine warme Brust, um sie vor der eisigen Brise zu schützen, die ungehindert von den fernen, dunklen Brijuni-Inseln über das offene Meer herüberwehte.

„Es ist einfach absolut unbeschreiblich wunderschön“, sagte Sofia mit leiser Stimme. Sie blickte auf die tanzenden Lichter im Wasser und betete im Stillen, dass ihr eigenes, zukünftiges gemeinsames Leben mit Marko genau so beständig, so unerschütterlich wie die alten Mauern dieser Stadt und zeitgleich so voller Licht und Farbe wie dieser wunderschöne Hafen sein würde.
VI. Die Wärme der Polnoćka und das süße Erwachen
Als schließlich die schweren, bronzenen Glocken der großen Kathedrale von Pula die Stunde vor Mitternacht ankündigten, strömte die Familie Radić gemeinsam mit Hunderten anderen Bürgern der Stadt in das einladende, warme und von unzähligen flackernden Kerzen erleuchtete Innere der Kirche. Die Luft hier drinnen war schwer und feierlich, erfüllt vom süßlichen Duft des Weihrauchs und der dichten, wohlen Wärme der vielen Menschen.
Als die mächtige Kirchenorgel mit einem tiefen, vibrierenden Ton einsetzte und der große Chor mit voller Kraft das traditionelle, tief in der kroatischen Seele verankerte Weihnachtslied „U se vrime godišća“ anstimmte, gab es im Kirchenschiff kein Halten mehr. Die gesamte Familie Radić stimmte mit ein. Die tiefen, kräftigen Stimmen der Männer vermischten sich in perfekter Harmonie mit dem Gesang der Frauen und den unschuldigen Stimmen der Kinder.
In genau diesem magischen Moment, mitten im Gesang, spürte Nona Marija eine so tiefe Dankbarkeit in ihrer Brust, dass ihr eine kleine, warme Träne über die Wange lief. Sie strich sich den Pferdeschwanz über die Schulter und blickte kurz nach oben zu den Kirchenfenstern. Ihr Geheimnis blieb sicher verwahrt in ihrer Brust, doch die Stärke, die sie damals gebraucht hatte, um jene Menschen zu retten, war dieselbe Stärke, mit der sie heute diese riesige Familie zusammenhielt. Das war die wahre Bedeutung von Weihnachten: die reine, unverfälschte Gemeinschaft, diese typisch mediterrane Herzlichkeit und das unsichtbare Band, das über Generationen hinweg hielt.
Nach dem Ende der feierlichen Messe kehrte die müde, aber zutiefst glückliche Familie in die schützende Wärme ihres alten Steinhauses zurück. Der große Badnjak-Holzscheit im Kamin war noch lange nicht verbrannt; er glühte noch immer treu, tief und rot in der Dunkelheit und spendete eine wunderbare Wärme.
Nun, da die erlösende Mitternachtsstunde geschlagen hatte, war die strenge Zeit des Fastens vorbei. Nona Marija und ihre Schwestern liefen in die Küche und holten die prall gefüllten Platten hervor. Es gab keine Fritule. Stattdessen stapelten sich dort die duftenden Scheiben der Povetica, die weichen, im Schnaps gewendeten Cukerančići, die wie Diamanten im Kerzenlicht glänzten, und die feinen Schokoladenschichten der Mađarica. Für die Männer schnitt Goran zudem dünne Scheiben des herben Smokvenjak-Feigenbrots ab, das perfekt zum hausgemachten Kräuterschnaps passte.
Es wurde im Schein der Kaminglut noch stundenlang geredet, gelacht und alte Geschichten erzählt, bis schließlich die ersten, kleineren Enkelkinder vor purer Erschöpfung einfach auf den weichen Sofas einschliefen – die Köpfe gemütlich auf den Knien ihrer älteren Cousins gebettet.
Als das antike Pula in den frühen, blauen Morgenstunden des ersten Weihnachtsfeiertags endgültig in einen tiefen, friedlichen Schlummer versank, lag auch das große Haus der Familie Radić in einem glücklichen Schweigen. Draußen am dunklen Hafen tanzten die Leuchtenden Giganten der Werft unermüdlich und lautlos ihr faszinierendes Lichtspiel weiter auf den sanften Wellen der Adria, während im tiefen Inneren der uralten Mauern die Liebe und die Herzlichkeit dieser riesigen Familie die Kälte des Winters für immer vertrieben hatte. Pula war, ist und blieb für sie alle ein historischer, ein emotionaler und ein zutiefst herzlicher Genuss.
VII. Der unerwartete Besuch aus der Nacht
Es war bereits weit nach zwei Uhr morgens. Die ersten Kerzen am Weihnachtsweizen waren fast heruntergebrannt, und im Haus breitete sich die tiefe, friedliche Stille einer durchwachten Festnacht aus. Nur noch die Erwachsenen saßen mit halbvollen Gläsern Teran-Wein um den Kamin, während draußen der eisige Wind an den Fensterläden rüttelte.
Plötzlich ertönte ein Geräusch, das in dieser späten Stunde absolut niemand mehr erwartet hatte: Ein festes, rhythmisches Klopfen an der schweren, hölzernen Eingangstür.
Die Brüder Mateo und Luka blickten sich überrascht an. „Wer läuft denn um diese Uhrzeit noch durch die Altstadt?“, murmelte Mateo und stellte sein Weinglas ab. Goran der Ältere runzelte die Stirn und wollte gerade aufstehen, doch Nona Marija war schneller. Mit einer seltsamen, plötzlichen Rastlosigkeit glitt sie von ihrem Stuhl. Ihr langer Pferdeschwanz schwang nach hinten, als sie mit festen Schritten den Flur durchquerte. Eine seltsame Vorahnung lag in der Luft.
Als sie die schwere Eichentür öffnete, schlug ihr die eisige Nachtluft entgegen. Im fahlen Licht der Straßenlaterne standen drei Personen: ein älterer, elegant gekleideter Mann mit grauem Haar und zwei jüngere Menschen, ein Mann und eine Frau. Zu ihren Füßen standen große, edel verpackte Weidenkörbe, die bis zum Rand mit feinsten italienischen Spezialitäten gefüllt waren: goldener Panettone, erlesene Weine aus der Toskana und handgemachte Pralinen.

Der ältere Mann blickte Marija direkt in die Augen. Für einige Sekunden sagte niemand ein Wort. Doch dann traten Tränen in seine Augen. Er nahm seinen Hut ab, drückte ihn an seine Brust und sagte mit zitternder Stimme auf perfektem, fließendem Kroatisch:
„Blagoslovljen Božić, Signora Marija … Bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Aber wir mussten kommen. Wir haben so unfassbar lange nach Ihnen gesucht.“
Die Familie war mittlerweile neugierig in den Flur getreten. Die fast dreißig, nicht schlafenden Herzen, hielten gleichzeitig den Atem an.
Marija fixierte den Mann, und plötzlich weiteten sich ihre dunklen Augen. Ihre Stimme wechselte instinktiv in ein makelloses, elegantes Italienisch: „Mamma mia … Giovanni? Bist du das?“
Der Mann nickte unter Tränen. „Ja, ich bin es. Und das hier sind meine Kinder, Francesca und Paolo. Wir sind die Nachkommen jener Menschen, die Sie im eiskalten Winter 1947 in diesem hölzernen Boot durch die Klippen von Verudela gerettet haben. Meine Mutter war das kleine, weinende Mädchen, das Sie damals vor den Grenzpatrouillen versteckt haben.“
Ein ungläubiges Raunen ging durch die Familie Radić. Francesca, die jüngere Frau, trat einen Schritt vor und erklärte sanft: „Unsere Eltern und Großeltern haben zeitlebens nach Ihnen gesucht, Signora. Sie haben Briefe geschrieben, alte Kontakte befragt … aber da sie die moderne Welt überhaupt nicht verstanden und mit Computern oder diesem Internet nicht umgehen konnten, blieb die jahrzehntelange Suche erfolglos. Jedes Mal verlief die Spur im Sande. Erst mein Bruder Paolo hat es vor wenigen Wochen über digitale Netzwerke geschafft, Ihren jetzigen Namen in Pula zu finden. Man kannte Sie ja nur unter ihrem italienischen Mädchennamen Maria Carisi.“
„Sie haben uns nie verlassen, Marija“, fügte Giovanni gerührt hinzu, wobei er mühelos zwischen den Sprachen wechselte – er sprach so perfekt Kroatisch, wie Marija Italienisch beherrschte. „Unsere Großeltern leben heute gar nicht weit von hier, keine dreißig Kilometer entfernt, in einem kleinen, stillen Dorf im istrischen Hinterland. Sie haben Pula damals verlassen, aber ihre Herzen blieben an dieser Küste. Und jedes einzelne Jahr, an genau diesem Heiligabend, halten sie in ihrer kleinen Dorfkirche eine feierliche Messe ab – nur für Sie. Um Gott für den Engel zu danken, der sie gerettet hat.“
Francesca blickte Marija flehentlich an. „Sie wissen noch nicht, dass wir heute hier sind. Wir wollten ihnen keine falsche Hoffnung machen. Aber nun stehen wir hier … Bitte, dürfen wir sie morgen am ersten Weihnachtsfeiertag hierher mitbringen? Wir möchten sie mit dem größten Wunder ihres Lebens überraschen!“
Nona Marija stand da, ihr zeitloses Gesicht leuchtete im Schein der Flurlampe. Ein tiefes, warmes Lächeln breitete sich aus. „Che domanda … was für eine Frage!“, sagte sie mit fester, liebevoller Stimme auf Italienisch. „Bringt sie nach Hause. Morgen um die Mittagszeit wartet dieses Haus auf sie. Es gibt genug Platz, genug Wein und genug Liebe für uns alle.“
Nach unzähligen dankbaren Umarmungen verabschiedeten sich die drei Gäste in die kalte Nacht, um die dreißig Kilometer ins Hinterland zurückzulegen.
VIII. Die Königin von Pula und das große Wiedersehen
Als die schwere Eichentür wieder ins Schloss fiel, starrte die gesamte Familie Nona Marija an. Das Schweigen war fast greifbar.
Marija drehte sich langsam um, strich sich den Pferdeschwanz über die Schulter und sah in die Gesichter ihrer Kinder. „Setzt euch“, sagte sie leise und trat zurück in die warme Küche. „Es ist Zeit, dass ich euch die ganze Geschichte erzähle.“
Sie setzten sich alle um den großen Tisch, und Marija holte tief Luft. „Ihr wisst, dass meine Kindheit nicht leicht war. Meine Mamma starb, als ich noch ein winziges Mädchen war, und mein Tata … nun, er hat einfach die Biege gemacht, als es hart wurde. Er ist geflohen und hat mich zurückgelassen.“ Sie blickte zu den Kaminflammen. „Aber ich war nie allein. Ich hatte meine Nonna Francesca, die stolze Italienerin war, und meinen Nonno Renato. Bei ihnen bin ich voller Liebe und Nestwärme aufgewachsen. Von Nonna Francesca habe ich jedes italienische Wort gelernt, jede Geste, jeden Funken Stolz. Was ich euch jetzt erzähle, ist mein Vermächtnis an euch. Ich hoffe, dass ihr wisst, wie wichtig Nächstenliebe ist – nicht nur zur Weihnachtszeit! Als der Winter 1947 kam, bat mich eine befreundete italienische Familie um Hilfe. Wegen meiner Nonna verstand ich ihre Angst, ihre Sprache, ihr Herz. Ich konnte nicht zusehen, wie diese Familie in Gefahr geriet. Also nahm ich das Boot …“
„Und danach, Nona?“, fragte die kleine Lana mit großen Augen.
Marija lächelte Goran an. „Danach habe ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen. Mein erster großer Job schlug mich nach der Ausbildung nach Rovinj, in ein wunderschönes Hotel an der Küste. Und genau dort … an einem lauen Frühlingsabend am Hafen … lief mir dieser gutaussehende hagere Fischer über den Weg.“
Goran nahm ihre Hand und küsste sie ehrfurchtsvoll vor der gesamten Runde. „Ich sah diese bildschöne Frau mit dem langen Pferdeschwanz und dachte, mein Herz bleibt stehen“, sagte Goran mit brüchiger Stimme. „Ich wusste nicht, dass ich eine Heldin vor mir hatte.“
„Du hast mich damals schon gefeiert wie eine Königin, Goran“, flüsterte Marija.
Und genau das tat die Familie in dieser Nacht. Die Kinder und Enkelkinder feierten ihre Nona für ihren unbändigen Mut, ihren makellosen Charakter und eine tiefe, unerschütterliche Menschlichkeit.
Am nächsten Tag, dem ersten Weihnachtsfeiertag, herrschte im Haus eine feierliche, fast nervöse Elektrizität. Pünktlich um zwölf Uhr mittags hielt ein Wagen vor dem Haus.
Die Tür öffnete sich, und herein traten Giovanni, seine Kinder und zwei ältere, vom Leben gezeichnete Menschen – die Großeltern, die damals im Boot gesessen hatten. Als die alte Dame die Küche betrat und ihr Blick auf Marija fiel, blieb sie zitternd stehen.
„Maria … sei proprio tu? Bist du das wirklich?“, flüsterte die alte Frau auf Italienisch.
„Sì, sono io … Ich bin es“, antwortete Marija mit tränenerstickter Stimme.
Das Wiedersehen war von einer so tiefen, reinen Emotionalität, dass kein Auge im Raum trocken blieb. Die beiden alten Frauen liefen aufeinander zu und fielen sich in die Arme. Sie sagten minutenlang kein Wort, hielten sich einfach fest, während die Jahrzehnte der Trennung in ihren Tränen weggespült wurden. Auch die alten Großeltern sprachen mittlerweile – nach all den Jahren in Istrien – ein perfektes, herzerwärmendes Kroatisch, sodass die Gespräche am Tisch bald wie ein wilder, wunderschöner Fluss aus beiden Sprachen flossen.

„Wir dachten, wir sehen dich nie wieder“, sagte der alte Großvater und drückte Gorans Hand. „Deine Frau hat unserer Familie ein zweites Leben geschenkt.“
„Und ihr habt uns das schönste Weihnachtsfest geschenkt, das man sich erträumen kann“, antwortete Goran und goss den schweren Teran-Wein ein.
Die gerettete Familie wurde von der Familie Radić mit einer überwältigenden Herzlichkeit aufgenommen. Aus den Fremden der Nacht wurden binnen weniger Stunden lebenslange, feste Freunde. Aus diesem weihnachtlichen Wunder in der Altstadt von Pula wuchs eine tiefe, unerschütterliche und familiäre Freundschaft, die über Grenzen und Generationen hinweg Bestand haben sollte.
Als die Nacht sich wieder über den Hafen von Pula senkte und die Leuchtenden Giganten ihr funkelndes Lichtspektakel auf den Wellen der Adria begannen, tanzten sie nicht mehr nur für die Vergangenheit der Stadt. Sie tanzten für die Zukunft, für die Liebe und für das unzerreißbare Band zweier Familien, das im Schutz der alten, lebendigen Steine für immer geschmiedet worden war. Pula war und blieb für sie alle ein historischer, ein emotionaler und ein zutiefst herzlicher Genuss.
Meine lieben Leserinnen und Leser,
ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie mit so viel Liebe durch die Seiten dieses weihnachtlichen Geschichtenbuchs gewandert sind. Als waschechte Kroatin gibt es für mich keinen schöneren Weg, mich bei Ihnen zu bedanken, als diese traditionellen und wertvollen Rezepte aus meiner Heimat mit Ihnen zu teilen. Sie tragen den Duft der Kindheit, die Wärme des Kaminfeuers und den Geist unserer Gemeinschaft in sich.
Ihnen und Ihren Familien wünsche ich von Herzen gesegnete, friedvolle Weihnachten und eine Fülle an familiärer Geborgenheit!
In Liebe, Zvjezdana, Dana, Stella Schuhr
Dragi moji čitatelji,
od sveg vam srca hvala što ste s ljubavlju koračali kroz stranice ove božićne priče. Kao rođenoj Hrvatici, nema ljepšeg načina da vam izrazim svoju zahvalnost nego da s vama podijelim ove tradicionalne, dragocjene recepte iz moje domovine. Oni nose miris djetinjstva, toplinu ognjišta i duh našeg zajedništva.
Vama i vašim obiteljima od srca želim blagoslovljen, miran i sretan Božić te obilje obiteljske topline!
S ljubavlju, Zvjezdana, Dana, Stella Schuhr
Miei cari lettori,
vi ringrazio di vero cuore per aver camminato con così tanto amore tra le pagine di questo libro di storie natalizie.
Come croata autentica, non c’è modo più bello per me di ringraziarvi se non condividendo con voi queste ricette tradizionali e preziose della mia terra natia. Portano in sé il profumo dell’infanzia, il calore del camino e lo spirito della nostra comunità.
A voi e alle vostre famiglie auguro di cuore un Natale benedetto, sereno e ricco di calore familiare!
Con amore,
Zvjezdana – Dana Stella Schuhr
1. Bakalar na bijelo
(Traditioneller istrischer Stockfisch-Aufstrich)
Dieses Gericht ist der unumstrittene König des Badnjak (Heiligabend). Es erfordert etwas Geduld und Muskelkraft, belohnt deine Leser aber mit einer unvergleichlich cremigen, herzhaften Perfektion.
Zutaten
- 400 g getrockneter Stockfisch (Bakalar)
- 300 g mehligkochende Kartoffeln
- 200–250 ml erstklassiges, istrisches Olivenöl (nativ extra)
- 4–5 Zehen Knoblauch (sehr fein gehackt)
- 1 Bund frische glatte Petersilie (fein gehackt)
- Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
- 1 Lorbeerblatt (für das Kochwasser)
Zubereitung
- Das Einweichen (Wichtig!): Den getrockneten Stockfisch für mindestens 24 bis 48 Stunden in reichlich kaltem Wasser einweichen. Das Wasser dabei mindestens zwei- bis dreimal am Tag wechseln. Der Fisch gewinnt dadurch massiv an Volumen.
- Das Kochen: Den Fisch in einen großen Topf geben, mit frischem Wasser bedecken, das Lorbeerblatt hinzufügen und ca. 1,5 bis 2 Stunden sanft köcheln lassen, bis das Fleisch weich ist und sich leicht von den Knochen lösen lässt. Den Fisch herausnehmen, das Kochwasser aufbewahren.
- Das Säubern: Solange der Fisch noch warm ist, die Haut, alle Gräten und dunklen Teile penibel entfernen. Nur das reine, weiße Fischfleisch in feine Stücke zupfen.
- Die Kartoffeln: Parallel die Kartoffeln schälen, in Würfel schneiden und in gesalzenem Wasser weich kochen. Abgießen und noch heiß durch eine Kartoffelpresse drücken.
- Das Schlagen (Nona Marijas Geheimnis): Fischfleisch und Kartoffeln in eine große Schüssel geben. Nun unter ständigem, kräftigem Rühren mit einem Holzkochlöffel (oder heute einfacher: mit dem Handrührgerät/Küchenmaschine) das Olivenöl in einem dünnen Strahl einlaufen lassen. Es muss eine Emulsion entstehen – ähnlich wie bei einer Mayonnaise.
- Das Finish: Den feingehackten Knoblauch und die Petersilie unterrühren. Wenn die Masse zu fest ist, löffelweise etwas vom aufgehobenen Fisch-Kochwasser hinzufügen, bis der Aufstrich wunderbar cremig und luftig ist. Mit Salz und reichlich Pfeffer abschmecken.
Serviertipp: Am besten lauwarm oder gut durchgezogen mit frisch geröstetem, noch warmem Weißbrot servieren.
2. Istarska Povetica
(Traditionelle istrische Festtags-Rolle)
Die Povetica ist der Star auf Nona Marijas Weihnachtstisch. Sie ähnelt einer Walnussrolle, besticht aber durch die saftige Kombination aus Äpfeln, Walnüssen, Rosinen und feinen Gewürzen.
Zutaten
Für den Hefeteig:
- 500 g Weizenmehl (Typ 550 oder glatt)
- 1 Würfel frische Hefe (42 g)
- 250 ml lauwarme Milch
- 80 g Zucker
- 80 g Butter (geschmolzen)
- 2 Eigelb
- 1 Prise Salz
- Abrieb von 1 Bio-Zitrone
Für die saftige Füllung:
- 300 g Walnüsse (fein gemahlen)
- 2 große Äpfel (fein geraspelt)
- 100 g Rosinen (vorab in 4 EL dunklem Rum eingeweicht)
- 100 g Zucker
- 1 Päckchen Vanillezucker
- 1 TL Zimt
- 1 Messerspitze Nelkenpulver
- 50 ml heiße Milch (zum Binden)
- 1 Eiweiß (steif geschlagen)
- Etwas geschmolzene Butter zum Bestreichen
Zubereitung:
- Der Hefeteig: Mehl in eine Schüssel geben, eine Mulde formen. Die Hefe hineinbröseln, mit 1 TL Zucker und etwas lauwarmer Milch verrühren. 15 Minuten gehen lassen, bis es schäumt. Restlichen Zucker, Milch, geschmolzene Butter, Eigelbe, Salz und Zitronenabrieb hinzufügen. Alles zu einem glatten, geschmeidigen Teig verkneten. Abgedeckt an einem warmen Ort ca. 1 Stunde auf das doppelte Volumen gehen lassen.
- Die Füllung: Gemahlene Walnüsse, Zucker, Vanillezucker, Zimt und Nelken mischen. Die heiße Milch darüber gießen. Die geraspelten Äpfel (leicht ausgedrückt) und die Rum-Rosinen unterrühren. Zum Schluss das steif geschlagene Eiweiß vorsichtig unterheben, damit die Masse saftig, aber streichfähig wird.
- Das Rollen: Den Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche etwa 1 cm dick zu einem großen Rechteck ausrollen. Die Füllung gleichmäßig darauf verstreichen, dabei an den Rändern ca. 2 cm Platz lassen. Den Teig von der Längsseite her eng aufrollen.
- Das Backen: Die Rolle in eine gefettete Kastenform oder schneckenförmig in eine runde Backform legen. Nochmals 20 Minuten gehen lassen. Vor dem Backen mit etwas geschmolzener Butter bestreichen. Im vorgeheizten Ofen bei 180 °C (Ober-/Unterhitze) für ca. 45–50 Minuten goldbraun backen.
3. Pazinski cukerančići
(Die traditionellen Plätzchen aus Zentralistrien)
Diese einzigartigen, kronenförmigen Kekse werden nach dem Backen in Wein und Schnaps getaucht. Sie duften herrlich und glänzen auf dem Blog-Foto wie Eiskristalle.
Zutaten:
- 500 g Weizenmehl
- 1 Päckchen Backpulver
- 150 g Zucker
- 100 g Butter (Zimmertemperatur)
- 2 Eier
- 100 g saure Sahne (Kiselo vrhnje)
- Abrieb von 1 Bio-Orange
- 1 Prise Salz
Für das traditionelle Finish:
- 100 ml istrischer Malvazija-Weißwein (leicht erwärmt)
- 2 EL Lozovača (kroatischer Weintraubenschnaps)
- Reichlich grober Kristallzucker zum Wälzen
Zubereitung:
- Der Teig: Butter und Zucker schaumig schlagen. Die Eier einzeln unterrühren. Saure Sahne und Orangenschale hinzufügen. Mehl, Backpulver und Salz mischen und zügig unterkneten, bis ein weicher, gut formbarer Mürbeteig entsteht. Den Teig in Frischhaltefolie gewickelt für 30 Minuten in den Kühlschrank stellen.
- Das Formen (Istrische Kunst): Vom Teig walnussgroße Stücke abnehmen und zu ca. 10 cm langen Rollen formen. Diese Rollen flach drücken. Nun auf einer Längsseite mit einem Messer 3 bis 4 tiefe Einschnitte machen (wie Fransen). Die Rolle zu einem Halbmond oder Kreis biegen, sodass sich die Einschnitte fächerartig öffnen und eine kleine Krone oder ein Ast entsteht.
- Das Backen: Die Kekse auf ein mit Backpapier belegtes Blech legen. Bei 180 °C (Ober-/Unterhitze) für ca. 12–15 Minuten backen. Sie müssen hell bleiben und dürfen an den Rändern nur ganz minimal Farbe annehmen.
- Das Finish (Nona Katas Handgriff): Den leicht erwärmten Weißwein mit dem Schnaps in einer tiefen Schale mischen. Den groben Kristallzucker auf einen flachen Teller geben. Die noch warmen Kekse blitzschnell von beiden Seiten in die Wein-Schnaps-Mischung tauchen und sofort im Kristallzucker wenden. Auf einem Kuchengitter vollständig auskühlen lassen.
4. Breskvice
(Traditionelle Pfirsich-Kekse)
Diese wunderschönen Kekse sind auf jedem Festtagsteller der absolute Hingucker. Sie erfordern etwas Fingerspitzengefühl, sehen aber am Ende täuschend echt aus und schmecken herrlich nach Walnuss und Rum.
Zutaten:
Für den Teig:
- 500 g Weizenmehl
- 1 Päckchen Backpulver
- 150 g Zucker
- 2 Eier
- 150 g Butter (Zimmertemperatur)
- 4 EL Milch
- 1 Päckchen Vanillezucker
- 1 Prise Salz
Für die Füllung:
- Die ausgehöhlten Krümel der gebackenen Kekshälften
- 150 g Walnüsse (fein gemahlen)
- 4 EL Hagebutten- oder Marillenmarmelade
- 4–5 EL dunkler Rum
- 50 g geschmolzene Butter
- 2 EL Backkakao (für eine schöne dunkle Farbe)
Für die Dekoration:
- Je 50 ml lauwarmes Wasser in zwei kleinen Schalen
- Rote und gelbe Lebensmittelfarbe (flüssig)
- Reichlich feiner Kristallzucker zum Wälzen
- Frische Minzblätter (als Pfirsichblätter)
Zubereitung:
- Der Teig: Butter, Zucker und Vanillezucker cremig schlagen. Die Eier nacheinander unterrühren. Milch hinzufügen. Mehl, Backpulver und Salz sieben und zu einem glatten, geschmeidigen Teig verkneten. Den Teig für 30 Minuten kalt stellen.
- Das Backen: Aus dem Teig kleine, gleichmäßige Kugeln formen (etwa so groß wie eine kleine Walnuss) und mit etwas Abstand auf ein Backblech mit Backpapier legen. Bei 180 °C (Ober-/Unterhitze) ca. 12–15 Minuten backen. Die Unterseite soll leicht gebräunt, die Oberseite aber noch hell sein.
- Das Aushöhlen: Die Kekse aus dem Ofen nehmen und unbedingt noch warm auf der flachen Unterseite vorsichtig mit einem kleinen Teelöffel oder Messer kreisrund aushöhlen. Die herausgekratzten Krümel in einer Schüssel sammeln.
- Die Füllung: Die Teigkrümel fein zerreiben. Mit den gemahlenen Walnüssen, Kakao, Marmelade, geschmolzener Butter und dem Rum zu einer homogenen, gut formbaren Masse verkneten.
- Das Zusammensetzen: Jede ausgehöhlte Kekshälfte großzügig mit der Masse füllen und immer zwei Hälften fest zusammendrücken, sodass die Form eines Pfirsichs entsteht. Überschüssige Füllung an den Rändern glattstreichen.
- Die Pfirsich-Optik: In die eine Schale mit Wasser rote Lebensmittelfarbe geben, in die andere gelbe Farbe. Die zusammengesetzten Kekse zuerst kurz mit einer Seite in die gelbe, dann mit der anderen Seite in die rote Farbe tauchen, damit ein schöner Farbverlauf entsteht. Sofort im Kristallzucker wenden und mit einem Minzblatt als Strunk dekorieren.
5. Mađarica
(Der traditionelle Schokoladen-Schichtkuchen)
Die Mađarica (wörtlich „die ungarische Frau“) ist der absolute Lieblingskuchen auf kroatischen Festen. Sie besteht aus hauchdünnen, knusprigen Teigplatten und einer feinen Schokoladen-Buttercreme. Der Kuchen wird in exakte, kleine Rechtecke geschnitten.
Zutaten:
Für die Teigplatten:
- 600 g Weizenmehl
- 1 Päckchen Backpulver
- 200 g saure Sahne (Kiselo vrhnje)
- 100 g Butter (geschmolzen)
- 2 Eiweiß
- 150 g Zucker
- 1 Prise Salz
Für die Schokoladencreme:
- 1 Liter Milch
- 200 g Zucker
- 100 g dunkle Schokolade (min. 60 % Kakaoanteil)
- 5 EL Speisestärke (Gusnel)
- 3 EL Backkakao
- 200 g Butter (Zimmertemperatur)
Für die Glasur:
- 150 g dunkle Schokolade
- 50 g Butter
- 2 EL Pflanzenöl (für schönen Glanz)
Zubereitung:
- Der Teig: Alle Zutaten für den Teig zu einer kompakten Masse verkneten. Den Teig in 5 oder 6 exakt gleich große Teile wiegen. Jeden Teil auf Backpapier hauchdünn (ca. 2 mm) im Format des Backblechs ausrollen. Die Platten nacheinander auf der Rückseite eines Backblechs bei 180 °C für jeweils nur ca. 7–9 Minuten backen. Sie müssen fast weiß bleiben und dürfen nicht braun werden. Vorsichtig abkühlen lassen (sie werden knusprig).
- Die Creme: 800 ml Milch mit dem Zucker und der Schokolade aufkochen. Die restlichen 200 ml Milch mit Speisestärke und Kakao glattrühren. In die kochende Schokomilch rühren und unter ständigem Rühren eindicken lassen, bis ein schwerer Pudding entsteht. Den Pudding abkühlen lassen (dabei Frischhaltefolie direkt auf die Oberfläche legen, damit sich keine Haut bildet). Die weiche Butter schaumig schlagen und den abgekühlten Pudding löffelweise unterrühren.
- Das Schichten: Die Teigplatten abwechselnd mit der Schokoladencreme bestreichen und übereinanderstapeln. Die oberste Platte bleibt zunächst frei. Den Kuchen mit einem schweren Brett beschweren und über Nacht im Kühlschrank durchziehen lassen, damit die Platten weich und schneidbar werden.
- Das Finish: Am nächsten Tag Schokolade, Butter und Öl für die Glasur im Wasserbad schmelzen und gleichmäßig auf der obersten Schicht verteilen. Nach dem Festwerden mit einem heißen, scharfen Messer in akkurate, kleine Rechtecke schneiden.
6. Smokvenjak
(Traditionelles istrisches Feigenbrot)
Dieses uralte Rezept der Küste ist kein klassischer Kuchen, sondern ein festes, intensives Fruchtbrot. Nona Marija reicht es den Männern traditionell nach der Mitternachtsmesse zusammen mit einem Glas hausgemachtem Kräuterschnaps (Travarica).
Zutaten:
- 500 g getrocknete Feigen (sehr weich, Strunk entfernt)
- 150 g Mandeln oder Walnüsse (grob gehackt und in der Pfanne ohne Fett angeröstet)
- 4–5 EL hausgemachte Travarica (Kräuterschnaps) oder Lozovača (Treberschnaps)
- 2 EL flüssiger Honig
- 1 TL fein geriebene Bio-Orangenschale
- 1 Prise Zimt
- Ein paar Lorbeerblätter oder Fenchelzweige (zur Dekoration und Aufbewahrung)
Zubereitung:
- Das Zerkleinern: Die getrockneten Feigen durch einen Fleischwolf drehen oder in einem leistungsstarken Mixer zu einer klebrigen, feinen Paste verarbeiten.
- Das Kneten: Die Feigenpaste in eine Schüssel geben. Die grob gehackten, abgekühlten Mandeln/Walnüsse, den Schnaps, Honig, Orangenschale und Zimt hinzufügen. Nun alles mit den Händen kräftig zu einem festen, kompakten Teig verkneten. Sollte die Masse zu trocken sein, noch einen Teelöffel Schnaps hinzufügen; ist sie zu klebrig, helfen noch ein paar gemahlene Nüsse.
- Das Formen: Aus dem Teig ein oder zwei flache, runde Laibe (etwa 2–3 cm dick) formen. Traditionell drückt man die Oberfläche schön glatt.
- Das Reifen: Das Feigenbrot auf ein Bett aus frischen Lorbeerblättern oder Fenchelzweigen legen und auch von oben damit belegen. An einem kühlen, trockenen Ort (oder im Kühlschrank in Pergamentpapier gewickelt) mindestens 2 bis 3 Tage durchziehen lassen. Es hält sich problemlos mehrere Wochen.
Serviertipp: In hauchdünne Scheiben schneiden und als edlen, herzhaft-süßen Abschluss zu einem guten Schnaps, Likör oder reifem istrischen Käse reichen.

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