Dieses Gedicht ist eine tiefgründige, surrealistische Reflexion über Altern, Stillstand, Angst vor dem Leben und die Flucht in innere Welten. Es kontrastiert zwei Seinszustände (oder zwei Aspekte einer Persönlichkeit) vor der Schwelle des Spiegels.

Hier ist eine Analyse der zentralen Aspekte:

1. Die zwei Frauen (Strophe 1 & 5)

  • Frau 1 (im Hier und Jetzt): Ihr „graut“ vor dem Herausgehen. Sie ist passiv, ängstlich und schottet sich ab („zehn Riegel“). Sie verkörpert das Feststecken, das Altern im Sinne von Verfall und die Angst vor dem Leben.
  • Frau 2 (die Grenzgängerin): Sie geht „durch den Spiegel“ – eine magische Handlung. Sie ist aktiv, abgetaucht, tanzt und sucht ihre Lieder. Sie verkörpert die psychische Flexibilität, das innere Leben oder die Flucht aus der Realität.

2. Der „Antitag“ und der Spiegel (Strophe 2, 3 & 4)

  • Der Spiegel: Er ist die Schwelle, nicht nur Reflexion, sondern ein Durchgang zu einer anderen Wahrnehmung.
  • Der Antitag: Ein Zeitraum, in dem normale Regeln nicht gelten. Es ist ein Zustand „ohne Grenzenbahn“, in dem das Unmögliche möglich scheint („Orangen Uran“). Es ist eine Art Traum- oder Zwischenwelt („Unzeit“, „minutet“).
  • Die Zauberin: Wahrscheinlich die zweite Frau, die eine magische, kreative oder eben abgetauchte Realität erschafft.

3. Das Schicksal der Passivität (Strophe 5)

Die erste Frau wird als Opfer der Zeit dargestellt. Sie „vergeht“ und „sieht… zu“, wie die Zeit auf der Uhr (an der Wand) ohne Mitleid vergeht. Dies unterstreicht die Bitterkeit des Alterns, wenn es nur passiv erlebt wird.

4. Das Zitat von Alexander Mitscherlich (PS)

„Man möchte leben ohne zu altern; und man altert in Wirklichkeit, ohne zu leben.“

Dieses Zitat ist der perfekte Schlüssel zum Gedicht:

  • Die ängstliche Frau „altert in Wirklichkeit“, weil sie sich nicht traut zu „leben“ (rausgehen).
  • Die Zauberin versucht, die Zeit zu überwinden („Antitag“), was jedoch auch eine Form der Flucht sein kann.

Fazit: Das Gedicht beschreibt den tragischen Konflikt, den Alltag zu fürchten, während man gleichzeitig spürt, wie das Leben (die Zeit) ungenutzt an einem vorbeizieht. Es fordert indirekt dazu auf, die „Riegel“ vor der Tür zu öffnen.

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Avatar von Dana Stella Schuhr

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