Zwischen den Gezeiten

Die Schatten tragen noch ihr Kleid,
getränkt von jenem fremden Duft.
Noch schwingt der Nachhall jener Zeit
als schweres Gift durch unsre Luft.

Ich seh die Namen, seh das Licht,
das in den fremden Augen lag,
und Tränen wiegen das Gewicht
von jedem schmerzlich leeren Tag.

Doch mitten in dem dunklen Sturm
regt sich ein Puls, ganz zart und neu.
Wir bauen Stein auf Stein den Turm,
der bittet: „Bleib mir diesmal treu.“

Denn deine Worte sind jetzt leise,
sie suchen Heilung, suchen Halt,
und auf die wunderbarste Weise
verliert die Kälte ihre Gewalt.

Es ist ein Kampf, ein Seiltanz bloß,
auf einem Garn aus Furcht und Mut.
Mal lässt der Zweifel mich nicht los,
mal glaub ich fest: Es wird noch gut.

Ich schenk uns Zeit, das Weben braucht
Geduld für jeden neuen Stich, bis auch
der letzte Geist verraucht und ich mich
wieder find – und wir auch wieder dich.

Die Narben bleiben, doch sie zeigen,
dass wir das Feuer überstehen. Wir
brechen dieses bange Schweigen
und wagen es, dann voran zu gehen.

Dana Stella Schuhr

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