Zehn Jahre später sitzen Mario und der junge Luca auf der alten Steinmauer am Rand ihres Grundstücks. Vor ihnen erstreckt sich das Tal in das goldene Licht des späten Nachmittags. Luca hält eine kleine Schnitzerei in der Hand, an der sie gemeinsam gearbeitet haben.
„Papa“, fragt Luca und schaut auf die glänzenden Autos, die fern auf der Landstraße vorbeiziehen, „warst du früher wirklich so ein wichtiger Mann mit viel Geld, wie die Leute im Dorf sagen?“
Mario lächelt und streicht sich durch das Haar, das an den Schläfen inzwischen grau geworden ist. Er nimmt eine alte, goldene Münze aus seiner Tasche – ein Überbleibsel aus seinen Tagen in der Glasfassaden-Welt – und lässt sie zwischen den Fingern spielen.
„Ich hatte viel Gold in den Taschen, Luca, aber ich war bettelarm im Herzen“, antwortet er ruhig. „Ich dachte, Glück sei wie ein Turm, den man bauen muss. Je höher er ist, desto besser kann man die Welt sehen. Aber oben auf dem Turm ist es einsam, und der Wind ist eiskalt.“
Er reicht Luca die Münze. „Geld ist wie das Wasser im Brunnen da hinten. Du brauchst es zum Leben, zum Gießen, zum Überleben. Aber wenn du versuchst, den ganzen Brunnen für dich allein zu besitzen, vergisst du darüber, den Durst zu löschen. Du starrst nur noch auf den Wasserspiegel und hast Angst, dass er sinkt.“
Luca betrachtet das glänzende Metall. „Und was ist dann echtes Glück?“
Mario legt seinem Sohn den Arm um die Schulter und deutet auf das Haus, wo Bella gerade die Fensterläden öffnet und ihnen zuwinkt. „Echtes Glück ist, wenn du abends nicht zählen musst, was du verdient hast, sondern wen du liebst. Es ist die Freiheit, die Zeit zu verschwenden – für eine Schnitzerei, für ein Gespräch, für diesen Sonnenuntergang hier. Reichtum ist nicht das, was du auf der Bank hast, sondern das, was du nicht hergeben würdest, egal wie viel man dir bietet.“
Er nimmt Luca die Münze wieder ab und wirft sie mit einem hohen Bogen weit in das hohe Gras des Hangs. Luca reißt die Augen auf.
„Lass sie dort liegen“, sagt Mario lachend. „Wir haben heute schon genug geerntet. Lass uns rein gehen, die Pasta wartet.“
Sie springen von der Mauer und laufen zum Haus. Mario schaut nicht zurück. Er hat gelernt, dass man nur dann wirklich reich ist, wenn man die Hände frei hat, um die Menschen zu halten, die einem alles bedeuten.
Am Abendbrottisch dampft die Pasta, und der Duft von frischem Basilikum erfüllt die Küche. Bella beobachtet die beiden, während sie den Wein einschenkt – für Mario ein tiefroter lokaler Tropfen, für Luca ein Glas Wasser mit einem Spritzer Zitrone.„Und?“, fragt sie mit einem wissenden Lächeln, während sie sich setzt. „Was hat die Steinmauer euch heute für Weisheiten verraten?“Luca platzt sofort heraus: „Papa hat eine Goldmünze ins Gras geworfen, Mama! Einfach so! Wie ein Schatz, den man nie wieder finden will.“Bella hält kurz inne, ihr Blick wandert zu Mario. Sie sieht das jungehafte Funkeln in seinen Augen, das früher hinter strengen Terminkalendern und Sorgenfalten verborgen war. Sie weiß genau, welche Münze es war – die letzte, die er aus seinem alten Leben behalten hatte. Sie legt ihre Hand auf seine.„Manchmal muss man Platz in den Taschen machen, damit man die Hände voll hat für das, was wirklich zählt“, sagt sie leise und drückt seine Hand.„Genau das hat Papa auch gesagt“, murmelt Luca mit vollem Mund, während er versucht, eine widerspenstige Spaghetti auf die Gabel zu drehen. „Aber was machen wir, wenn wir mal wirklich Gold brauchen? Wenn der Traktor kaputt geht oder das Dach leckt?“Mario lacht, ein tiefes, ehrliches Lachen. „Dann haben wir unsere Nachbarn, Luca. Wir haben das Holz im Wald, das wir verkaufen können, und wir haben unsere Hände, die arbeiten können. Der Unterschied ist: Früher habe ich für das Gold gearbeitet. Heute arbeiten wir für unser Leben. Und wenn das Dach leckt, dann flicken wir es gemeinsam. Das ist fester als jeder Turm aus Glas.“Nach dem Essen, als Luca bereits oben in seinem Zimmer über seinen Schnitzereien eingeschlafen ist, treten Mario und Bella noch einmal hinaus auf die Veranda. Die Grillen zirpen, und die Luft ist kühl und rein.„Hast du es je bereut?“, fragt Bella und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. „Dass wir alles hinter uns gelassen haben?“Mario schaut hinunter zum Hang, wo das hohe Gras im Mondlicht silbern schimmert. Irgendwo dort liegt die Münze, verloren und unbedeutend. Er atmet den Duft der Pinien und der feuchten Erde ein.„Nur eines bereue ich“, sagt er und zieht sie enger an sich. „Dass ich den Brunnen so lange besitzen wollte, anstatt einfach mit dir daraus zu trinken.“Gemeinsam löschen sie das Licht im Haus. Draußen im Tal ziehen die Autos auf der Landstraße immer noch vorbei, ihre Scheinwerfer wie rastlose Sterne. Doch hier oben, im kleinen Haus aus Stein, herrscht eine Stille, die wertvoller ist als alles Gold der Welt.
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