Auf dem Olymp: Der Sohn des Lichts. Der Sohn stand am Rand der Wolkenfestung. Hinter ihm verharrten die Unsterblichen in der Starre, die er ihnen auferlegt hatte. Er spürte keinen Triumph. Die Last, die Hierarchie zerschlagen zu haben, wog schwerer als die Krone, die er abgelehnt hatte. Er sah auf seine Hände – sie waren nicht mehr das Werkzeug eines Gottes, sondern die eines Gärtners, der den Zaun eingerissen hatte. Ohne den Befehl seines Vaters fühlte er zum ersten Mal das, was er den Sterblichen geschenkt hatte: die schwindelerregende Unsicherheit der Wahl. Er war nun der erste Wanderer in einer Welt ohne Wegweiser.
Im Tal: Das Volk von Arkadien
Tief unter den Gipfeln, in den staubigen Gassen von Theben und auf den Feldern Arkadiens, geschah das Ungeheuerliche: Nichts.
Ein Priester hob das Messer über dem Stier, doch der gewohnte Druck in der Luft – die Anwesenheit des Göttlichen, die wie elektrisches Knistern auf der Haut lag – war fort. Er hielt inne. Der Stier sah ihn an, ruhig, ohne das Zittern vor dem Unausweichlichen. Das Volk, das um den Altar versammelt war, wartete auf den Blitz, auf den Donner, auf ein Zeichen der Bestätigung oder des Zorns. Doch der Himmel blieb ein tiefes, gleichgültiges Blau.
Ein Raunen ging durch die Menge, kein Gebet, sondern ein Flüstern der Vernunft. „Warum töten wir ihn?“, fragte ein Kind, und die Frage hallte in der neuen Stille lauter als jeder Choral. In diesem Moment begriffen sie: Die Fäden waren gerissen. Sie waren nicht mehr Statisten in einem göttlichen Drama, sondern die Autoren ihrer eigenen Angst – und ihrer eigenen Hoffnung.

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Avatar von Dana Stella Schuhr

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