„Die Throne müssen nicht brennen, um leer zu sein“, sagte der Sohn. Sein Blick glitt über die Versammlung der Unsterblichen, die sich wie verängstigte Kinder an ihre Attribute klammerten – Ares an seinen blutigen Stahl, Aphrodite an ihren trügerischen Spiegel, Hera an ihren wertlosen Ring.
Er hob die Hand, und das Gold der Paläste verblasste zu gewöhnlichem Stein. Die Hierarchie, die Pyramide der Macht, an deren Spitze Zeus jahrtausendelang geherrscht hatte, löste sich auf wie Nebel in der Morgensonne.
„Es gibt keinen ‚Ersten‘ mehr unter euch“, verkündete er, und seine Stimme war das Echo meiner eigenen Klarheit. „Die Ära der Herrschaft ist vorbei. Ab heute gibt es nur noch die Verantwortung des Seins. Ihr seid nicht länger die Gebieter über die Sterblichen, ihr seid die Zeugen ihres Geistes. Wer Macht sucht, wird sie bei mir nicht finden. Wer Weisheit sucht, wird sie in sich selbst suchen müssen.“
Dann wandte er sich dem Thron in der Mitte zu.
Dort saß Zeus. Er war nicht tot. Er war nicht einmal verletzt. Aber er war leer. Er saß dort als ein lebendes Mahnmal der Hybris, die Augen weit und klar, doch ohne den Funken des Befehls. Er war das Gehäuse einer Uhr, aus der man das Laufwerk entfernt hatte. Er blieb, wo er war – ein Fleisch gewordener Marmor, der daran erinnerte, dass selbst ein Gott nur so groß ist wie der Raum, den er in den Köpfen der anderen einnimmt.
Die Götter sahen ihn an und sahen ihre eigene Endlichkeit.
Ich trat vor ihn. Zum ersten Mal seit der Ewigkeit berührte ich seine Wange mit meinen eigenen Fingern, nicht mehr mit dem Impuls seiner Nerven. Er zuckte nicht. Er blickte durch mich hindurch.
„Du wolltest mich besitzen, um unbesiegbar zu sein“, flüsterte ich ihm ins Ohr, das nun nur noch mein Echo hörte. „Nun besitzt du die Ewigkeit – und niemanden, dem du sie befehlen kannst. Du bist das Monument deines eigenen Schweigens.“
Draußen, unter dem Olymp, begannen die Menschen zu denken, ohne zu opfern. Die Fäden der Parcae rissen, denn der Sohn hatte das Webmuster der Vorhersehung durch die Freiheit des Verstandes ersetzt.
Die neue Ära hatte keinen König. Sie hatte nur uns. Und die Stille, die wir geschaffen hatten.
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