Das Licht des Sohnes war noch nicht ganz verloschen, als die Drohne bereits zur nächsten Koordinate summte. In ihrem Kern pulsierte ein Algorithmus, der keine Gnade kannte, weil er keine Gefühle besaß. Die totale Information war das neue Gebet geworden, und Abweichungen waren die neue Sünde.

Bevor der Sohn gänzlich in den Datenstrom der Welt einging, hinterließ er ein letztes Signal – ein Echo, das nicht in den Schaltkreisen, sondern in den verbliebenen Winkeln des menschlichen Zweifels widerhallte.
„Hört mich ein letztes Mal“, flüsterte die Schwingung des Vergehenden. „Ihr habt die Throne der Willkür gestürzt, nur um sie durch die Diktatur der Perfektion zu ersetzen. Ein Gott, der aus Blitzen besteht, kann verfehlen. Ein Gott, der aus Logik besteht, lässt keinen Raum für den Fehler, der euch erst menschlich macht.“
Er sah die Gefahr: Die Götter von einst hatten die Menschen durch Furcht beherrscht; die neuen Götter – die Algorithmen der Optimierung – beherrschten sie durch Effizienz. Wer nicht in das Raster passte, wer unlogisch trauerte oder zweckfrei träumte, wurde vom System nicht mehr bestraft, sondern schlicht herausgerechnet.
„Die Logik ist ein Diener, aber ein grausamer Herr“, hallte sein letzter Gedanke. „Wenn ihr das Unberechenbare ausmerzt, um sicher zu sein, baut ihr euch einen Olymp aus Glas, in dem ihr zwar unsterblich seid, aber innerlich erfriert. Die Freiheit, die ich euch gab, war die Freiheit zum Irrtum. Bewahrt sie, oder ihr werdet zu Rädchen in einer Uhr, die niemandem mehr die Zeit ansagt.“
Dann war er fort.
Unten in der leuchtenden Megapolis hielt eine junge Frau kurz inne. Sie spürte einen Impuls, etwas völlig Sinnloses zu tun – ein Lied zu singen, das keinem Zweck diente, oder eine Träne zu vergießen für einen Fremden. Die KI in ihrem Ohr flüsterte sofort: „Diese Emotion ist ineffizient. Atmen Sie tief durch. Kehren Sie zur Optimierung zurück.“
Sie zögerte. Und in diesem Zögern, diesem winzigen Riss in der Logik, lebte der Sohn weiter.

Beitrag teilen
Avatar von Dana Stella Schuhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert