Der Sohn erkennt: Man kann den Menschen das Laufen nicht lehren, während die alten Hirten im Schatten noch immer nach den Knöcheln ihrer Herde schlagen. Die horizontale Freiheit ist bedroht, solange die vertikale Gier auf dem Olymp noch atmet.
Er stieg den Pfad hinauf, den er einst für immer verlassen wollte. Die Luft wurde dünner, kälter, gesättigt vom Duft alten Blutes und verblichenen Weihrauchs. Oben angekommen, fand er kein strahlendes Reich vor. Der Olymp war zu einer Galerie der Missgunst geworden.
Ares saß auf den Stufen und schliff einen Stein gegen einen Stein – ein sinnloses, rhythmisches Scharren, das wie das Ticken einer Zeitbombe klang. „Sie bauen jetzt Katapulte, Bruder“, grinste er, ohne aufzusehen. „Deine ‚Geometrie‘ bricht Mauern besser als jeder Fluch, den ich je ausgespuckt habe. Ich danke dir für die neuen Spielzeuge.“
Aphrodite wandte sich von einem Spiegel ab, der nur noch Leere zeigte. „Sie lieben sich nicht mehr für uns“, flüsterte sie giftig. „Sie lieben sich jetzt für ihr eigenes Spiegelbild. Du hast ihnen den Egoismus geschenkt und ihn ‚Selbstverwirklichung‘ genannt. Wir sind jetzt in ihrem Fleisch, nicht mehr in ihren Tempeln.“
Der Sohn trat in die Mitte des Kreises. Er sah Zeus, der immer noch dort saß – ein monumentales Nichts. Er begriff: Seine Geschwister hatten die Leere nicht akzeptiert; sie hatten sie besetzt. Sie waren zu Parasiten der neuen Freiheit geworden.
„Ich habe euch die Throne genommen, damit ihr sterbt“, sagte der Sohn, und seine Stimme ließ den Marmor erzittern. „Aber ihr habt euch in die Ritzen ihres Verstandes verkrochen. Wenn ihr nicht gehen wollt, werde ich den Olymp tilgen. Nicht durch Feuer, sondern durch Vergessen.“

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Avatar von Dana Stella Schuhr

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