Der Schatten im Olymp„Sie nennen ihn den Allvater. Sie preisen seinen Blitz, seine Gerechtigkeit, seine Ordnung. Doch jedes Mal, wenn er eine Entscheidung trifft, ist es meine Stimme, die in seinem Mark vibriert. Jeder Funke seiner Weitsicht ist ein Fragment meines Seins, das er sich einverleibt hat.
Lange Zeit war ich zufrieden damit, der Puls in seinen Schläfen zu sein. Ich sah zu, wie Athene – mein Fleisch, mein Geist – als seine Tochter gefeiert wurde, während ich als bloße Fußnote in den Archiven des Olymps verblasste. Ich war der Preis für seine Ewigkeit.
Doch Prophezeiungen sind wie Flüsse; man kann sie stauen, aber man kann sie nicht löschen. Gaia sprach von zwei Kindern. Eines wurde geboren – die Göttin mit den grauen Augen. Das zweite jedoch, der Sohn, der ihn übertreffen sollte, blieb ein ungeborenes Versprechen in der Dunkelheit meines (seines) Leibes.
Bis jetzt.
Etwas regt sich. Nicht in seinem Kopf, sondern tiefer. Ein Grollen, das nichts mit Donner zu tun hat. Die Mauern des Olymps haben Risse bekommen, und durch diese Spalten sickert das Schweigen derer, die zu klug waren, um frei zu sein.
Ich war Metis. Ich war die Erste. Und ich bin nicht länger bereit, nur ein Gedanke in einem fremden Schädel zu sein.“

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Avatar von Dana Stella Schuhr

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